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Umbruchszeiten. Epistemologie & Methodologie in Selbstreflexion
Aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums des Marburger Instituts will die Hochschultagung der dgv 2010 über Umbrüche, die das Fach seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg inhaltlich, methodisch und organisatorisch erfahren hat – und vor allem gegenwärtig erfährt – nachdenken. Dabei sollen die Thematiken der beiden letzten Hochschultagungen – Münster 2006 (Historizität als Aufgabe und Perspektive) und Hamburg 2008 (Kultur – Forschung. Zum Profil einer volkskundlichen Kulturwissenschaft) – aufgenommen und fortgeschrieben werden.Dass sich die Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde als ethnologisch-kulturwissenschaftliche Disziplin in der Nachkriegszeit etablieren konnte, ist einem Paradigmenwechsel geschuldet: Die aus dem frühen 19. Jahrhundert stammende Herkunftszentrierung wurde zu Gunsten synchroner Forschung – historisch wie gegenwärtig – aufgegeben. Dieses Paradigma synchroner Forschung (wenn nötig mit genealogischem Hintergrund) ist für das Fach nach wie vor von Gültigkeit und grundsätzlich unumstritten. Doch befindet sich die gesamte gegenwärtige Wissenschaftslandschaft in einem gründlichen Umbruch und ist merklicher Beschleunigung unterworfen: Zum einen entstehen nachhaltig neue Disziplinen in fachübergreifenden Forschungsfeldern, begleitet von profunden methodologischen Änderungen (Performativität & Diskursanalyse, Präsenz, Ikonologie), zum anderen dreht sich das modische Karussell der ‚turns’ und ‚-isierungen’ in immer schnellerem Tempo.
Einleitend wird – als knapp gehaltener Rückblick – zu fragen sein, wie der Umbruch weg vom Herkunftsparadigma vor sich gegangen ist. Versteht man diesen Wandlungsprozess als einen, der vom Inneren des Faches ausging, so schließt sich die Frage nach den von außen herangetragenen Herausforderungen an. Hier ist prospektiv zu fragen, wie die Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde die gegenwärtigen Kompetenzanforderungen an eine ethnologisch geprägte Kulturanalytik umsetzt, wie sich also das Fach in der sich ausgestaltenden Wissenschaftslandschaft positionieren kann. Gibt es derzeit im Fach Anzeichen dafür, dass Zäsuren oder Umbrüche anstehen? Wie weit trägt das traditionelle Bild eines großen Paradigmenwechsels unter zeitgenössischen Wissenschaftsbedingungen überhaupt noch? Oder sehen wir uns vielmehr einer ständigen Erweiterung des Feldes potentieller Perspektiven gegenüber? Wie steht es um innovative Strömungen und neue Horizonte im Fach und aus dem Fach?
Da beispielsweise das Internet praktisch alle Alltagsbereiche durchdringt und zum Teil neu strukturiert und dabei sowohl inzwischen etablierte Themenfelder des Faches (Migrationsforschung, Ethnologie von Institutionen, Popkulturforschung, fragmentierte Kulturszenen) als auch sich neu ausgestaltende Forschungsfelder (wie Bildwissenschaften, Ethnologie von Natur- & Lebenswissenschaften, Cultural Heritage) betroffen sind, wäre beispielsweise zu diskutieren, inwieweit der alltägliche Gebrauch des Internets und die permanente Vernetzung der erforschten Menschen und Gruppen einen der anstehenden Umbrüche darstellt, die in kritischer Selbstreflexion bedacht werden sollten.
Es wäre begrüßenswert, wenn dieses für eine Zukunftsausrichtung zentrale Thema der Reichweite und Bedeutung des Internets auf eine vom Alltagshandeln ausgehende Disziplin (im Hinblick auf Neuausrichtungen in Konzeption von Fragestellung und Methode von Forschungsvorhaben) entsprechend präsent wäre.
Die dgv-Hochschultagung findet vom 24. bis 26. September 2010 statt und wird ausgerichtet vom Institut für Europäische Ethnologie/ Kulturwissenschaft der Philipps-Universität Marburg.
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Letzte Änderung: Monday, 10-May-2010 15:41:50 MEST |
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