Vom 7. bis zum 10. Juni 2007 fand in Wien das diesjährige dgv-Studierendentreffen statt. Das Thema des Treffens sollte sein, sich (wieder) einmal Gedanken über die Fachidentität zu machen, vor dem aktuellem Hintergrund, der drohenden Zusammenlegung der Volkskunde mit der Sozialanthropologie in Wien, aber auch vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Namensgebung des Faches an anderen Universitäten, sowie der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge.
Also trafen sich auch 16 HamburgerInnen mit Studierenden der Europäischen Ethnologie, Volkskunde und anderen vergleichbaren Wissenschaften von diversen Universitäten aus der Schweiz, Österreich und Deutschland am Institut für Europäische Ethnologie in Wien. Nach einem Kennenlernen von Stadt und MitstreiterInnen, fanden sich die ca. 170 Teilnehmer zu einem Empfang im schönen Ambiente des Volkskunde-Museums ein. Einer Begrüßung durch das OrganisatorInnen-Team und einer Rede von Konrad Köstlin folgte ein skuril-anmutender Ansturm auf die Workshop-Teilnahmelisten. Die nächsten zwei Tage widmeten wir uns in weitestgehend sehr gut vorbereiteten und engagierten Workshops nicht nur der oben genannten Fragestellung1. Am Sonntag dann stellten die TeilnehmerInnen der Workshops ihre Ergebnisse dem Plenum vor.
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Hier der Ansturm auf die Teilnahmelisten der Worshops
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Hier einige Beispiele:
Berufsperspektiven und „Karrieren“
Der Workshop Berufsperspektiven und „Karrieren“ wurde gleich zu Anfang in drei Gruppen eingeteilt, welche sich unterschiedlichen Themen zuwendeten. In weiser Voraussicht verteilten wir drei Hamburgerinnen uns je in einen dieser „MiniWorkshops“.
Svenja Reinke hat aus ihrer Sicht folgendes zu berichten:
Die Art wie sich entschied, wer in welchen Workshop kam, gestaltete sich ziemlich chaotisch. Eigentlich wollte ich nicht in den "Berufsperspektiven"-Workshop. Ein Ergebnis, das wir dort formulierten, entsprach nämlich letztlich meiner Ausgangslage. Fragen nach den beruflichen Möglichkeiten, die auf das Volkskunde-Studium folgen, sind unangenehm, kaum zu beantworten und werden gern umschifft. Ich will trotzdem nicht behaupten, vor dem Workshop soviel gewusst zu haben wie hinterher. Eine traurige Erkenntnis hat sich bestätigt: Die Berufsperspektiven für KulturwissenschaftlerInnen sind alles andere als rosig. Dennoch sensibilisierte die Diskussion im Workshop dafür, welche Stärken unsere Ausbildung hervorruft. Diese in der Bewerbungssituation selbstbewusst zu benennen, dürfte vielen von uns nun leichter fallen als zuvor. Das Augenmerk richtete sich auch darauf, dass wir uns potentiellen ArbeitgeberInnen mit unseren Studieninhalten und Schwerpunkten präsentieren müssen, statt davon auszugehen, dass sie ohnehin wissen, womit bzw. mit wem sie es zu tun haben.
Die Workshopleitung war gut vorbereitet und wohlüberlegt. Das Konzept ging auf, insofern als der Großteil der TeilnehmerInnen bis zum Schluss engagiert und produktiv dabei blieb. Ein Manko war vielleicht, dass die Teilnehmerinnen besser hätten vorbereitet sein können. Ich habe die halbe Zeit im Workshop damit verbracht, ein Kapitel aus einem veralteten Berufsleitfadenzu bearbeiten. Zum Lesen war mir die Zeit eigentlich zu schade, die wir hätten nützen können, um uns untereinander auszutauschen.
Die zweite Gruppe, in der Freya sich engagierte befragte AbsolventInnen der Volkskunde nach ihrem beruflichen Werdegang und Tipps und Tricks.
Hierzu Freya Matthisen:
Wir erarbeiteten im Vorfeld des Interviews einen Gesprächsleitfaden und von uns zu stellende Fragen. Hans Schneider2, 42 Jahre, freiberuflich tätiger Volkskundler, erzählte uns von seinem Studium und Jobverlauf. Er engagierte sich schon während des Studiums in seinem Fachbereich und erhielt darüber auch seine ersten Jobs. Bis heute erhält er die meisten Aufträge über Mund-zu-Mund-Propaganda. Von AbsolventInnen heutzutage oft geforderte Kriterien wie Praktika und Fremdsprachenkenntnisse hat er nicht. Er betonte sehr, dass man als Freiberufler seine Kontakte immer pflegen muss und außerdem taktisch klug vorgehen sollte, z.B. bei Gehaltsverhandlungen. Darüber hinaus spielt auch immer ein wenig Glück mit, wenn es um neue Jobaufträge geht. Außerdem, so Hans Schneider, zählt die Persönlichkeit und das eigene Engagement im Hinblick auf einen Job. Interessen und Stärken sollten verfolgt werden. Dabei half ihm das Studium der Volkskunde generell, nicht aber die einzelnen Seminarinhalte. Schneiders Meinung nach dient die volkskundliche Methodik als Rüstzeug für den späteren Beruf. Das Studium der Geistes- und Kulturwissenschaften ermögliche die kritische Reflexion sowie die historische Einordnung und Kontextualisierung in die Gegenwart.
Abschließend kann gesagt werden, dass Herr Schneider nicht unbedingt einen typischen Lebenslauf heutiger StudentInnen und AbsolventInnen hat. Trotzdem konnte unsere Gruppe mit einem Wissensgewinn aus dem Gespräch herausgehen und wird einige Tipps von ihm beherzigen.
Zu guter Letzt besuchte Anna-Lisa Dietl den praktischsten Teil des Workshops in dem simulierte Bewerbungsgespräche in drei verschiedenen Unternehmen geführt wurden:
Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch suchte ich meinem Weg durch das fremde Wien zu dem Institut für Kulturkonzepte, bei dem ich angemeldet war. Erst einmal angekommen stieß ich auf Enttäuschung seitens meiner Ansprechpartnerin: sie hatte sich eine bessere Vorbereitung meinerseits gewünscht, mit der sicherlich auch ich entspannter ins Gespräch gegangen wäre.
Wir entschieden dann, das Beste aus der Situation zu machen, und sie gab mir sehr viele hilfreiche Tipps für meine Bewerbungsunterlagen. Besonders die Idee, meine bisherigen Praktika und Nebenjobs unter dem Stichpunkt „Berufserfahrung“ zu fassen war für mich einleuchtend. Mit den Worte ”klotzen nicht kleckern“ verabschiedete sie mich und ich freute mich darauf, meine Erfahrung mit der anderer WorkshopteilnehmerInnen auszutauschen.
Der Workshop war im Ganzen für uns stimmig und wir empfanden es als überfällig, uns mit StudentInnen aus anderen Instituten zu vernetzen und interessante, wenn auch viel zu kurze Diskussionen zu führen.
Svenja Reinke, Freya Matthisen, Anna-Lisa Dietl
Möglichkeitsräume
Namen, Orte und die Frage nach der Relevanz und vor allem den Möglichkeiten unseres Faches standen in Workshop Nummer 8 im Mittelpunkt. Das Thema: Projektarbeit.
Der Vorstellung der vertretenen Institute folgte eine erste Debatte, welchen Stellenwert Projektarbeit im Studium in den einzelnen Instituten bislang einnimmt und wo Erweiterungen besonders im Rahmen der Bachelor- oder auch Masterstudiengänge geplant sind. Vorteile bei der Verankerung von Praxismodulen im Bachelorstudium könnten die adäquatere Bewertungsmöglichkeiten von Projektarbeit sein. Denn Projekte bringen neben einem wissenschaftlichen Teil auch immer einen großen organisatorischen Teil mit sich. Hier beeindruckte besonders das Frankfurter Institut durch zahlreiche selbstorganisierte studentische Projekte neben dem regulären Studium.
Im Volksliedarchiv in der Operngasse, in dem gefühlte 40°C herrschten, kamen wir nun zu der Frage, was denn eigentlich den Charakter und die Möglichkeiten der Projektarbeit ausmacht. Hier der Versuch einer Definition:
Ein Projekt ist eine temporär angelegte Konzentration von Wissen und Fachkräften aus verschiedenen Bereichen und Disziplinen mit einem von Anfang an feststehenden Ziel. Die Hierarchien bei der Projektarbeit sind flacher als z.B. in Universitäten oder Firmenstrukturen. Die ständige Diskussion des Ziels und des Weges dorthin ist Ausdruck dessen und ein Merkmal für den prozessualen Charakter eines Projekts.
Die hauptberufliche Arbeit in Projekten bedeutet auf der einen Seite eine ständig prekäre Lage, bietet aber auf der anderen Seite eine höchstmögliche Flexibilität und Eigenverantwortlichkeit. Nico Wahl, der im Workshop von seiner Arbeit als Projektmanager bei „LINZ 09“3 berichtete, möchte aber eben diese Flexibilität nicht mehr missen und bezeichnete sich selbst als „schwer resozialisierbar“ bezüglich der Rückkehr in ein festes Arbeitsverhältnis. Er stellte fest, dass jedes Projekt die Möglichkeit biete, das eigene Netzwerk zu erweitern und damit die Chance auf den nächsten Job zu vergrößern. An dieser Stelle gab es den Raum für Fragen zu Formalia etc. bei der Einreichung von Projekten.
Durch die begrenzte Zeit wurden aber zahlreiche Fragen besonders in den Projektsimulationen am 2. Tag nur angerissen: Welches sind die spezifischen Kompetenzen, die wir VolkskundlerInnen/KulturanthropologInnen in Projekte einbringen können? Welche Möglichkeiten gibt es, bei der Präsentation der Ergebnisse (Publikationen, Ausstellungen etc) unser Fach einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren? Sollen/Wollen wir nur aktuelle Bedürfnisse befriedigen und den Markt bedienen oder sollen/wollen wir uns durch die Projekte eigene Bereiche schaffen? Fragen über Fragen. Auf in den Kampf!
Inga Reimers
Film und Foto in der europäischen Ethnologie
Filmen und Fotografieren war das Thema unserer Projektgruppe. Am Donnertag trafen wir uns in der Bibliothek des Instituts. Die TeilnehmerInnen kamen aus Berlin, Hamburg, Innsbruck, Mainz, Marburg, München und Wien. Monika Rabofsky und Daniela Schadauer leiteten den Workshop. Zunächst haben wir uns vorgestellt und darüber ausgetauscht, wie an den verschiedenen Instituten mit den Medien Film und Foto umgegangen wird. In Bezug auf die vertretenen Institute stellte sich heraus, dass ethnografische/ethnologische Fotografie und dokumentarischer Film oft marginalisiert werden, insbesondere wohl in Wien, so dass den Workshopinitiatorinnen besonders daran gelegen war die wissenschaftliche Auseinandersetzung um die beiden Medien an ihrem Institut mit neuen Impulsen anzuregen. Im Gegensatz zu Wien und Marburg - besonders in Marburg scheint das Angebot die Theorie sehr zu betonen - gibt es bei uns in Hamburg ein recht regelmäßiges Angebot sowohl zu praktischen als auch theoretischen Zusammenhängen von Foto, Video und Film. In Hamburg sind mit dem Umzug der meisten kulturwissenschaftlichen Fächer in das ESA W seit dem Spätsommer 2006 die Voraussetzungen für eine inter- und transdiziplinäre Auseinandersetzung darüber hinaus besonders günstig. Zumindest räumliche Nähe und in manchen Fällen auch die Zusammenlegung bestimmter Ressourcen, wie der „Department“-Bibliothek4, können für eine interdisziplinäre Beschäftigung um Foto und Video von Vorteil sein.
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Nach der Klärung unserer „Ausgangssituationen“ haben wir in vier Gruppen Textabschnitte von Ulrich Hägeles Aufsatz „Visual Anthropology oder visuelle Kulturwissenschaft?“5 bearbeitet und anschließend im Plenum diskutiert. Als Diskussionspunkte haben sich die Frage nach den Charakteristika von ethnografischen/ethnologischen Fotos und nach der Bedeutung des eigenen Fotografierens für uns Forschende entwickelt. Zum einen begegnet uns das Medium Foto bei der Arbeit als Forschungsobjekt, zum anderen als Methode und Quelle. Fotografieren und Fotografien bieten im Sinne unserer Zugänge in der Volkskunde und im Rahmen des Erkennens von Zusammenhängen einen Zugewinn. Auch lassen sich Kontexte, wir z. B. die Umgebung einer Interviewsituation, durch Fotos visualisieren. Als Abbildung in textliche Darstellung kann über Foto und Video-Stil Kontext relativ simpel eingearbeitet werden.
Nach der Mittagspause ging es um das Medium Film. Wir haben vier Filme unter besonderer Berücksichtigung der Frage analysiert, inwiefern eine Kamera in das aufzunehmende Geschehen eingreift und inwieweit ihr Vorhandensein erst bestimmte Handlungen hervorruft6.
Am ersten Tag zogen wir das Fazit, dass Kameraaufnahmen - also sowohl Foto als auch Video - immer nur Ausschnitte komplexer Situationsmomente sind, die zudem der Perspektivwahl des Aufnehmenden unterliegen. Sie bedürfen einer bildgerechten Analyse, so dass ein Austausch mit bild- und auch kunstwissenschaftlichen Fächern wünschenswert ist. Foto- und Videoaufnahmen bieten vor allem aber gegenüber der reinen Textualisierung von teilnehmenden Beobachtungen und Interviewbeschreibungen ein großes Reflexionspotenzial – besonders in der Kombination beider Medien.
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Am zweiten Tag führten wir vormittags eigene Feldforschungen zum Thema Wien durch. Die Medien Foto und Video sollten nun in der Praxis erprobt werden. Am Nachmittag folgte eine Präsentation unserer Ergebnisse in der Gruppe, eine Reflexion unserer Arbeit und die Vorbereitungen der Abschlusspräsentation des Workshops vor allen TeilnehmerInnen für den gemeinsamen Sonntag.
In unserem Workshop bildeten sich vier Projektgruppen, von denen zufällig drei den Naschmarkt als Forschungsort wählten. Der Naschmarkt ist ein Lebensmittel- und Flohmarkt in der Wiener City, der sieben Tage die Woche zum Einkaufen und durch das Gastronomieangebot auch zum längeren Verweilen einlädt. Eine Gruppe hat sich, ausgestattet mit einem Fotoapparat, der Frage nach der „Veränderung des Forschungsschwerpunktes im Feld durch die Anwesenheit der Kamera“ gestellt. Eine andere setzte sich fotografisch mit „Menschen mit Migrationshintergrund auf dem Flohmarkt/Naschmarkt“ auseinander, Wir, zwei HamburgerInnen, haben mit zwei Innsbruckern das Projekt „EinBlick – Naschmarkt. Fotos, Film und Interview – Multiperspektivität als Chance“ entwickelt. Hinzu kam das einzeln durchgeführte reine Videoprojekt „Planespotter – experimenteller Einsatz der Handkamera in der Forschung beim Beobachten von Beobachtern“.
Wir, die „Hamburg-Innsbruck-Kooperation“,7 haben versucht die Feldforschung - in unserem Fall die Erforschung der Selbst- und Warenpräsentation eines Marktverkäufers am Beispiel eines Falafel-Marktstandes – um eine zeitgleich stattfindende, visuelle Reflexionsebene der Forschungsunternehmung zu erweitern. Mit Foto, Video und Tonband haben wir ein Interview (Gespräch und Tonbandaufnahme: Lina, Selbstdarstellung und Detailaufnahmen mit dem Fotoapparat: Martin) und parallel dazu eine teilnehmende Beobachtung durchgeführt, sowie mit Video (Nina) und Tele-Fotoaufnahmen (Laurent) eine bzw. zwei Metaebenen der Beobachtung eingeführt.
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Für uns hat der Einsatz verschiedener Medien und Forscherperspektiven besonders Vorteile im Hinblick auf das Erkennen von Details offenbart, die dem bloßen Auge leicht entgehen können. Auch die vielschichtige Lesbarkeit von visuellem Material wirkt sich positiv auf den Forschungsprozess aus. Darüber hinaus sehen wir in der beliebig wiederholbaren Abspielmöglichkeit eines Videomitschnitts einen großen Gewinn gegenüber schriftlichen Notizen. Außerdem bietet der Einsatz von visuellen (und auch audiovisuellen) Medien einen komplementären Zugang zur rein textbezogenen Arbeit - insbesondere im Bezug auf die wissenschaftliche Vermittlung.
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Besonders interessant fanden wir den Forschungsaspekt unseres Themas. Wir haben interessante neue Fragestellungen und Blickwinkel kennen gelernt und die Auseinandersetzung mit Foto und Video in der kurzen Zeit sehr intensiv erlebt. Vor allem die Gruppenarbeit hat die drei Tage in Wien und unser Beschäftigung mit dem Thema sehr bereichert.
Nina Kalenbach und Lina Nikou
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Was im Stil des Fotobeispiels (unsichtbarer Forscher und Fotograf Laurent) wie eine Bedrohung des „Forschungsobjektes“ durch die drei Forscher und ihre „Waffen“ erscheint zeigt, sich in der bewegten Videoaufnahme (Nina) als kurzer, relativ unbedrohlicher Moment der Gesamtsituation.
SpielRaumPraxis – Erkundungen über einige Marginalitäten unseres Faches
»Europäische Ethnologie ist randseitig: In der Universitätslandschaft, in der Öffentlichkeit, im Leben der Alltagsmenschen, im Erscheinungsbild der Stadt, in der Alltagsmenschen wohnen: zum Beispiel in Wien. StudentInnen der Europäischen Ethnologie sind Randseiter dieser Randseitigkeit: In der Diskussion um Fachidentitäten, in der Außenwahrnehmung eines Instituts, in der Berufswelt«, so unser Projektleiter Max Leimstätter in der Beschreibung seines Workshops.
Zwei alte Koffer bildeten den Rahmen unserer Aufgabe. Konkreter hieß es: Benennt ein Alltagsthema, führt dazu empirische Forschungen durch, formt aus den Ergebnissen eine kleine Ausstellung in den Koffern und tragt damit die Ergebnisse der Forschungen an einen öffentlichen Ort und somit in eine öffentliche Diskussion.
Die zwei zur Verfügung stehenden Tage bildeten den knappen zeitlichen Rahmen. Hier ging es nicht um repräsentative Forschungsergebnisse und nicht um eine bis ins Detail durchdachte Ausstellung. Hier ging es vielmehr darum, uns selbst in unserem Fach und in der Diskussion um die Fachidentität zu positionieren sowie die Außenwahrnehmung auf unser Fach zu reflektieren. Die Marginalitäten, auf die Max Leimstätter abzielte, sollten ein »Spannungsfeld zwischen akademischen Kapazitäten und der enorm thematischen bzw. gesellschaftspolitischen Ausdehnung unserer Wissenschaft« aufmachen. Mittels unserer experimentellen »Stehgreif-Öffentlichkeitsarbeit« sollten uns Spielräume deutlich werden, die eine Auseinandersetzung mit Volkskunde/Europäischer Ethnologie weit ab von institutionellen Räumen ermöglichte.
Das Thema, auf das wir uns nach angeregter Diskussion einigten, lautete »Mein Wien / Dein Wien« und sollte mittels Befragungen auf der Straße unterschiedliche Eindrücke von Wien aufzeigen. Schlagwörter, Zeichnungen und Fotografien der Befragten sollten die Stadt auf eine Weise beschreiben, die in keinem Reiseführer zu finden sind. Ein halber Tag stand für diese Arbeit zur Verfügung. Während zwei Kommilitoninnen einen für die Ausstellung geeigneten Platz in Wien suchten und zwei weitere sich mit rechtlichen Fragen zur Versammlungsmöglichkeit unserer Gruppe im öffentlichen Raum auseinander setzten, machten sich fünf Zweier-Gruppen auf zu einem Forschungsspaziergang durch die Stadt.
Mein Projektpartner Alex Rissmann und ich wählten willkürlich einen Ort. Ohne dass wir uns gut vorbereitet fühlten, befragten wir die ersten Personen in einer Fußgängerzone im Süden der Stadt. Unsere Fragestellungen schienen nicht klar zu machen, was Ziel unserer Befragung war. Ihre Antworten entsprachen Auszügen aus Reiseführern; malen, fotografieren oder in knappe Worte fassen, welcher Ort für sie Wien repräsentiert, fiel ihnen schwer. Nach einer Weile begannen wir selbst, den Ort auf einer Karte zu verzeichnen, den wir beschrieben bekamen. Wir folgten unserer Karte und besuchten diesen subjektiven Lieblingsort. Um an unserer Karte weiter anknüpfen zu können, ließen wir uns dort von einer weiteren Person ihren Lieblingsort nennen. Auch dem folgten wir und verzeichneten unseren Weg in der Karte. Eine ganze Weile folgten wir auf diese Weise den Erzählungen von befragten Personen durch die Stadt. Es entstand für uns ein von sehr persönlichen Erfahrungen und Vorlieben geprägtes Bild von favorisierten Orten in Wien.
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Isabelle erläutert einem Passanten unsere Idee
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Unsere Karte wurde zusammen mit Fotografien der Befragten und der in ihren Namen besuchten Orte in einem der Koffer zusammengestellt. Im zweiten Koffer entstand ein wilder Berg von Zetteln mit Schlagworten, Fotografien und Zeichnungen, die die anderen Gruppen auf ihrem Forschungsspaziergang gesammelt hatten. Die Koffer präsentierten wir am letzten Nachmittag in einer Fußgängerzone der Wiener Innenstadt. Die Passanten waren aufgefordert, unsere Ausstellung inhaltlich mit eigenen Eindrücken von Wien zu erweitern. Dazu verteilten wir Flyer, auf denen das Vorgehen von Alex Rissmann und mir beschrieben war und der Leser ermuntert wurde, Wien - oder jede beliebige Stadt - auf diese Weise (neu) zu entdecken.
Die Arbeit mit Alex Rissmann war sehr spontan und immer wieder hat sich uns gezeigt, dass wir unser Anliegen ungenau formuliert haben. Die meisten Antworten schienen sehr von der Vorstellung geprägt, wir seien Touristen und wollten Orte genannt bekommen, an denen wir etwas erleben können. Das ist eventuell dadurch zu erklären, dass wir uns nicht eindeutig als Studenten der Volkskunde zu erkennen gegeben haben - vermutlich, um von unseren Fragen abschweifende Gegenfragen zu vermeiden (Was ist das, was ihr studiert? Was bringt das?). Dagegen war bei der Kofferpräsentation in der Fußgängerzone genügend Raum, uns, unser Fach und die Fragen, die uns bewegten, mit Passanten zu diskutieren. Diese Gespräche waren sehr fruchtbar und haben gezeigt, wie sich Menschen darüber freuen können, auf so alltägliche Dinge gestoßen zu werden. Von unserem alternativen Stadtrundgang waren viele Passanten begeistert. Neben den visuellen Eindrücken durch das Besuchen subjektiver Lieblingsorte fremder Stadtbewohner, erfährt der Fragende auch sehr persönliche Geschichten, die neue Einblicke und ein größeres, umfassenderes Bild einer Stadt ermöglichen. Auch mir ist einmal mehr deutlich geworden, wie mich die Volkskunde im Alltag sensibilisiert hat und mir Zugänge zu Menschen und deren Lebensart ermöglicht.
Petra Diehl
Fazit:
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Abschließend kann man sagen, dass die Konzepte der Workshops größtenteils aufgegangen sind und sehr interessant sowie produktiv waren. Es konnten viele interessante Kontakte geknüpft werden, die hoffentlich noch lange Zeit über das in einem Workshop entstandene Netzwerk (http://lorsto.wordpress.com/) bestehen bleiben. Nach dem wir soviel auch von Entwicklungen und Problemen an anderen Instituten gehört haben, sind wir sehr gespannt auf das nächste Studierendentreffen, welches in Kiel stattfinden wird, um zu erfahren, was im Laufe eines Jahres passiert ist.
An dieser Stelle auch noch mal unser Dank an die OrganisatorInnen für die großartige Durchführung und Gastlichkeit! Sowohl die Themenwahl und Durchführung der Workshops, wie auch das Rahmenprogramm waren sehr gelungen. Wir können nur allen Studierenden empfehlen, selbst bei so einem Treffen mitzumachen und nächstes Jahr in Kiel dabei zu sein.
Marie Hinz, Alex Ganz, Sonja Collison, Katrin Rickerts
C/o Institut für Volkskunde
Universität Hamburg
20146 Hamburg
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Zur Wahl standen uns: 1. Institutslandschaften, 2. Film und Fotografie in der Europäischen Ethnologie, 3. Berufsperspektiven und „Karrieren“, 4. Volkskunde / EE / EKW ... Das alles ist möglich Fach?, 5. Without a canon you can...?, 6. Wozu Europäische Ethnologie? 7. Annäherungen an Fragen zur Relevanz der Europäischen Ethnologie, 8. SpielRaumPraxis – Erkundungen über einige Marginalitäten unseres Faches, 9. Möglichkeitsräume, „Was studieren wir da jetzt eigentlich genau?“, 10. Network – Under ConstructionLinz ist 2009 Kulturhauptstadt Europas. Alle Aktivitäten und Projekte dazu werden von einem Kuratorenteam ausgewählt und finden teils im Vorfeld, teils erst 2009 statt. Im Mittelpunkt steht die Zusammenführung lokaler, regionaler und nationaler Inhalte in einem europäischen Rahmen. Das Prädikat Kulturhauptstadt Europas ist vergleichbar mit der Förderung durch ein Stipendium.Hägele, Ulrich: Visual Anthropology oder Visuelle Kulturwissenschaft? Überlegungen zu Aspekten volkskundlicher Fotografie. In: Ziehe, Irene und Ulrich Hägele (Hg.): Fotografieren vom Alltag – Fotografieren als Alltag. Tagung der Kommission Fotografie der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde und der Sektion Geschichte und Archive der Deutschen Gesellschaft für Photographie im Museum Europäischer Kulturen – Staatliche Museen zu Berlin vom 15. bis 17. November 2002 (=Visuelle Kultur. Studien und Materialien, Bd. 1) Münster 2004, S. 27 - 48.
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Letzte Änderung: Wednesday, 10-Oct-2007 12:10:50 MEST |
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