Wandel der Ernährungskultur im 20. Jahrhundert in DeutschlandBericht über die Arbeitstagung der Landesstellen für Volkskunde
Vom 7. bis 9. April 2005 trafen sich in Erfurt die Vertreterinnen und Vertreter von zehn deutschen Landesstellen für Volkskunde nach zwei Jahren wieder turnusgemäß zu ihrer Arbeitstagung, um über den Wandel der Ernährungskultur im letzten Jahrhundert zu diskutieren. Die Aufmerksamkeit der Teilnehmer galt zunächst einem Überblick zu gegenwärtigen bzw. zukünftigen Arbeitsvorhaben verschiedener Landesstellen im engeren Sinne. Zu Beginn stellten Lucia Luidold und Ulrike Kammerhofer-Aggermann (Salzburg) ihr Projekt "Bräuche im Salzburger Land - Zeitgeist, Lebenskonzepte, Rituale, Trends, Alternativen" vor, erschienen als "ein Standardwerk der Volkskunde auf 3 CD-ROMs" mit Begleitheft. Den Vortragenden gelang es ausgezeichnet darzustellen, wie das häufig eher einlinig und beschreibend angelegte Thema so aufbereitet, vernetzt (mittels Interview, Bild, Film) und mit Internet-Verlinkungen versehen werden konnte, dass für den Rezipienten ein neues, beeindruckendes Bild historischer und zeitgenössischer, gesellschaftlich und individuell determinierter Bräuche auch mit übernationalkultureller Dimension entsteht - ein Ergebnis der Kooperation zwischen dem Salzburger Landesinstitut für Volkskunde und dem Referat Salzburger Volkskultur beim Land Salzburg. Die Forschungen von rund 200 Autorinnen und Autoren, Kolleginnen und Kollegen von volkskundlichen Vereinigungen, universitären Lehr- und Forschungseinrichtungen sowie aus anderen, dem Fach nahestehenden Arbeitsbereichen wurden dabei zusammengeführt. In der umfangreichen Diskussion darüber spielten dann sowohl Fragen nach Konzept, Umsetzung und Finanzierung als auch nach der Resonanz eines solchen komplexen Vorhabens im Fach und in der Öffentlichkeit eine Rolle.
Es folgte ein Tagungsteil, in dem sich das Auditorium ganz konkret mit Beispielen zum Wandel der Ernährungskultur befasste: Ulrike Kammerhofer-Aggermann ging zunächst auf die cross-culture-Funktion von Essen in der Gegenwart ein. Sie stellte die Methodik für eine diachron vergleichende Untersuchung vor, innerhalb derer sie versuchen wird, Essstrukturen verschiedener Gesellschaften herauszupräparieren und "promoted differences" sowohl als Antwort auf cultural stress im Rahmen der Globalisierung als auch als Ausdruck sozialen Distinktionsverhaltens zu begreifen. Die Kenntnis dieser Zusammenhänge kann Möglickeiten regionaler Vermarktung und Verarbeitung von Produkten befördern helfen und so in einem nachhaltigen Sinne Entwicklung vor Ort unterstützen, was U. Kammerhofer an einem Projekt aus dem Ötztal aufzeigte. Anschließend präsentierte Josef Mangold (Bonn) ein deutsch-holländisch angelegtes Projekt zum Vergleich der Ess- und Trinkgewohnheiten bei rheinischen und limburgischen Jugendlichen. Bisher konnte die umfassende Materialbasis aus personellen und finanziellen Gründen nur in Ansätzen ausgwertet werden, obwohl sie speziell für Fragen des Ernährungsverhaltens umfangreiches Material enthält. Es schlossen sich einige regionale, speziell auf Thüringen bezogene Beiträge an, in denen auf die Entwicklung der Lebensmittelindustrie, auf spezielle Konservierungstechniken u. a. eingegangen wurde. Weiterhin ging es bei Hans-Joachim Petzold (GRUND GENUG e. V.) am Beispiel des Reinstädter Landmarktes - Reinstädt liegt ca. 20 km von Jena entfernt - um Probleme der Produktion und Verarbeitung von Lebensmitteln, aber dies im Zusammenhang mit der notwendigen Entwicklung von Arbeits- und Lebensmöglichkeiten im ländlichen Raum (Bildungs- und Tourismus-angebote, nachhaltige Produktionstechniken im handwerklichen und Umweltbereich etc.). Für diesen Aufbau von regional vernetzten nachhaltigen Arbeits- und Lebensweisen erhielten der beteiligte Verein "GRUND GENUG" sowie die Gemeinde Reinstädt 1999 den TAT-Ort-Preis für Gemeinden im ökologischen Wettbewerb, gestiftet von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Kooperation mit dem Deutschen Institut für Urbanistik.Die sehr informative Arbeitstagung in Erfurt fand ihren Abschluss im Museum für Thüringer Volkskunde mit dem öffentlichen Abendvortrag von Ulf Spiekermann (Göttingen): "Ernährungskultur in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg. Analyse, Wahrnehmungen und Folgerungen." Spiekermann untersuchte, wie in einer Wissensgesellschaft, in der Arbeit und Produktion gegenüber der Bedeutung und dem Einfluss von Wissen und Wissenschaft zurücktreten, Fragen von Ernährung thematisiert werden. Er ging davon aus, dass Wissen den rationalen Umgang mit dem Körper und der Ernährung ermöglichen kann, zugleich aber strittig und plural ist. Die Wissenschaft versucht in diesem Zusammenhang rational zu argumentieren und Deutungsangebote mit normativer Struktur bereitzuhalten. Anhand der Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte zeigte U. Spiekermann auf , dass das vorhandene Wissen um die Ernährung nur begrenzt in den Diskurs um Ernährung und Essen Eingang gefunden hat. Anhand unterschiedlicher Beispiele zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Gegenwart wies er auf wenig verbreitete Erkenntnisse hin, so u. a., dass die Biodiversität der Nahrungsmittel seit den 1950er Jahren und trotz ganzjähriger Verfügbarkeit auf gleichem Niveau geblieben ist, indem nur durchschnittlich 30 verschiedene Nahrungsmittel pro Person und Woche genutzt werden. Darüber hinaus ist trotz des Nahrungsbudgets von 1/5 für die Außerhausverpflegung das Essen zu Hause entgegen der verbreiteten öffentlichen Darstellung der häufigste Rahmen der Nahrungsaufnahme. Allerdings gehen die Kenntnisse der Nahrungszubereitung im Sinne einer Ernährungskompetenz durch soziale Veränderungen und solche in den Geschlechterverhältnissen zurück. Eckpunkte einer Ernährungskultur im 21. Jahrhundert diskutierend hob der Referent hervor, dass die häufig öffentliche Thematisierung von Ernährung vorrangig auf soziale und emotionale Bedürfnisse zielt und in Bezug auf ihren Aufklärungscharakter zu hinterfragen ist. Aufgrund auch eigener Untersuchungen machte Spiekermann deutlich, dass in der zunehmend heterogener werdenden Ernährungskultur soziale, ethnische und generative Unterschiede bedeutsam werden. Hier gibt es im Unterschied zu ernährungsphysiologischen u. a. naturwissenschaftlichen Kenntnissen noch zu wenig Wissen und gerade den Kulturwissenschaften eröffnet sich auf diesem Gebiet ein vorzügliches Forschungsfeld.
Nicht zu vergessen ist im Rahmen der von Gudrun Braune und Peter Fauser (Erfurt) hervorragend geleisteten Tagungsorganisation auch die informative Exkursion ins "Thüringer Kloßmuseum Heichelheim" in der Nähe von Weimar. Im unter die "Top Ten" der Foodmuseen gezählten Haus wird derzeit versucht, das Thema "Kartoffel in Anbau und Nutzung" kulturhistorisch wie -vergleichend darzustellen. Am Standort der ersten deutschen Klossmanufaktur (seit 1968) unternimmt der Museumsleiter Sylk Schneider mit bescheidenen finanziellen Mitteln den Versuch ein Produzenten und Konsumenten von Kartoffeln in den Dialog führendes Museum aufzubauen.
Die nächste Arbeitstagung wird 2007 am Sorbischen Institut e. v. in Bautzen stattfinden und sich mit "Kleidung zwischen Tracht und Mode" befassen.
Leonore Scholze-Irrlitz
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Letzte Änderung: Sunday, 12-Jun-2005 17:00:06 MEST |
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