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Kulturanalyse des Ländlichen

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Zur externen Website der Kommission: https://landkultur.blogspot.de/

Kontakt
 

Dr. Manuel Trummer (Regenburg)
manuel [dot] trummer [at] ur [dot] de

Anja Decker M.A. (Prag/München)
decker [dot] anja [at] gmx [dot] de

Protokoll der Kommissionssitzung 2018: Download

 

Stadt, Land – Schluss. Das Ländliche als Erkenntnisrahmen für Kulturanalysen
1. Workshop der dgv-Kommission Kulturanalyse des Ländlichen


Regensburg / Oberpfälzer Freilichtmuseum Neusath-Perschen | 13.–15.9.2018


Die Vielzahl an qualitativ starken Einsendungen hat die OrganisatorInnen in Anbetracht des angepeilten Zeitrahmens vor die Aufgabe gestellt, auszuwählen. Da es sich beim Workshop um die erste Veranstaltung der Kommission handelt und wir ausgehend von den Diskussionen der Marburger Gründungssitzung im September 2017 das Ziel verfolgen, zunächst die facheigenen Zugänge, Heurismen und Terminologien zu diskutieren sowie die Forschenden der Europäischen Ethnologie zu vernetzen, haben wir uns diesmal für eine engere Fachperspektive entschieden. Grundsätzlich bleibt der interdisziplinäre Anspruch der Kommission ausdrücklich weiterhin bestehen. Das Ergebnis ist ein Programm, das einerseits versucht, grundlegende Begrifflichkeiten und Abgrenzungen des Ländlichen kritisch zu thematisieren. Zum anderen lenkt es den Blick auf eine Reihe laufender Forschungsprojekte, die sich aus ‚europäisch-ethnologischer‘ Perspektive mit Fragen des Ländlichen auseinandersetzen.
Besonders freut uns die Zusammenarbeit mit dem Oberpfälzer Freilichtmuseum Neusath-Perschen, unserem Tagungsort am zweiten Workshoptag.
Es wird gebeten, sich frühzeitig um eine Unterkunft in Regensburg zu bemühen. Die Infrastruktur an Hotels und Ferienwohnungen in der Stadt ist zwar bestens ausgebaut, doch fällt die Veranstaltung noch in die touristische Sommersaison. Es kann daher zu Engpässen in der Übernachtungssituation kommen, falls die Buchung zu spät erfolgt. Der Workshop wird an der Universität stattfinden. Die Uni ist von der Altstadt aus bequem im 10-Minuten-Takt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Die gemeinsamen Abendessen werden in der Altstadt stattfinden. Die Übernachtung in einem Hotel/einer FeWo in der Altstadt dürfte daher die komfortablere Lösung bilden. Günstige Empfehlungen sind die Hotels „Zum Fröhlichen Türken“ (http://www.hotel-zum-froehlichen-tuerken.de/de/unser-hotel/), Hotel am Peterstor (https://www.hotel-am-peterstor.de/index.php/home.html) oder die bahnhofsnahen IBIS- und Star Inn-Hotels.

Programm


Donnerstag, 13. September 2018, Universität Regensburg, H26 (Vielberth-Gebäude)
13.00 Dr. Manuel Trummer (Regensburg) und Anja Decker M.A. (München, Prag/CZE): Begrüßung, Einführung & Organisatorisches
  
Panel 1: Rural, Urban – Rurban? Unschärfen, Fluiditäten, Kontinuen
Moderation: Dr. Manuel Trummer (Regensburg)
13.10    Prof. Dr. Brigitta Schmidt-Lauber (Wien/AUT) und Dr. Georg Wolfmayr (Wien/AUT):     Rurbane Assemblagen. Aushandlungen von Stadt und Land im Wohnen in Wien/Niederösterreich
13.50    PD Dr. Elisabeth Meyer-Renschhausen und Dr. Torsten Reinsch (Berlin): Urban Gardening geht aufs Land
14.30    Dr. Konrad Kuhn (Innsbruck/AUT): „Alpin-urban“. Zur Produktivität einer Unschärfeformel

15.10    Kaffeepause

Panel 2: Idylle, Peripherie, Problemregion? Regime der Ungleichheit
Moderation: Prof. Dr. Barbara Krug-Richter (Saarbrücken)
15.30    Lauri Turpeinen M.A. (Helsinki/FIN): Problemgebiet oder ländliche Idylle? Von der Kategorie der „Ländlichkeit“ und davon, wie junge Erwachsene aus Kainuu sie nutzen, um sich zu positionieren
15.50    Dr. Sigrid Kroismayr (Wien/AUT): Proteste und Konfliktbewältigung bei Schulschließungen in ländlichen Gemeinden
16.10    Dr. Manuela Barth (München): Stadt, Land – Boden

16.30    Gemeinsame Diskussion & Zusammenführung

17:20    Kaffeepause

Keynote
17:40    Prof. Dr. Michaela Fenske (Würzburg): Ländliches vielfach. Perspektiven einer Multispecies Ethnography
Moderation: Prof. Dr. Daniel Drascek (Regensburg)

19.00    Apéro am Institut

Freitag, 14. September 2018, Freilichtmuseum Neusath-Perschen
9.00    Abfahrt zum FLM: Busbahnhof Universität (Fahrtdauer ca. 50 Minuten, Bus wird organisiert)
10.00    Dr. Birgit Angerer (Leiterin FLM Neusath-Perschen): Begrüßung

Panel 4: Ländliches ausstellen: Aktuelle Projekte und Konzepte
Moderation: Bezirksheimatpfleger Dr. Tobias Appl (Regensburg)
10.10    Victoria Biesterfeld M.A., Dr. Eike Lossin und Dr. Michael Schimek (FLM Cloppenburg): „Licht aus – Spot an!“ Eine Landdisko kommt ins Museum
10.30    Dr. Oliwia Murawska (Mainz): Stimmungsbilder der Kaschubei. Ein Beitrag zur Ikonographie des Ländlichen
10.50    Valeska Flor M.A. (Bonn) und Andrea Graf M.A. (LVR-Institut, Bonn)
„Zwischen Landlust und Landfrust“. Studentische Projekte über „Imaginationen des Ländlichen“

11.10    Podiumsdiskussion & Zusammenführung
.
12.00    Dr. Birgit Angerer (Leiterin FLM Neusath-Perschen): Führung durch das Museum & Mittagessen (13:00) im Museumswirtshaus

Keynote
15.00    Dr. Sophie Elpers (Amsterdam/NED): Umstrittene neue Tradition – wie das „Ländliche“ in Architekturen greifbar wird

Panel 5: Digital, Konventionell, Solidarisch: Agrarische Kulturen im Wandel
Moderation: Prof. Dr. Gunther Hirschfelder (Regensburg)
16.00    Barbara Wittmann M.A. (Regensburg): Massentierhalter als Akteure des Ländlichen
16.20    Dr. Lars Winterberg (Saarbrücken): Alltag. Gesellschaft. Utopie. Kulturelle Formationen solidarischen Landwirtschaftens
16.40    Dr. Daniel Best (Würzburg):Transformationsprozesse des „Ländlichen“ im Zuge der Digitalisierung der Landwirtschaft
17.00    Gemeinsame Diskussion & Zusammenführung
18.00    Rückfahrt nach Regensburg (ca. 50 Minuten)

Samstag, 15. September 2018, Universität Regensburg, H26 (Vielberth-Gebäude)

Panel 6: Partizipative Entwicklung ländlicher Regionen – Zwischenergebnisse eines Forschungsprojekts
Moderation: Anja Decker M.A. (München/Prag)
9.30    Prof. Dr. Ove Sutter (Bonn): Formationen des Regierens ländlicher Räume – eine Einführung
9.40    Oliver Müller M.A. (Bonn): Die Herstellung ruraler Naturen als Materialisierung des Ländlichen
10.20    Sina Wohlgemuth M.A. (Bonn): Regierungspraktiken der Regionalentwicklung als Motoren eines ‚zukunftsfähigen Lebens‘ auf dem Land?

11.00    Kaffeepause

11.20    Prof. Dr. Christine Aka (Mainz): Mein Dorf im Buch. Ehrenamtliches Engagement für Ortschroniken als Exempel für „doing Ländlichkeit“
12.00    Prof. Dr. Silke Göttsch-Elten (Kiel): Zusammenfassung und Resümee
12.45    Ende des Workshops
13.00    Kommissionsrunde (kommissionsinterne Planung)

Manuel Trummer und Anja Decker
manuel [dot] trummer [at] ur [dot] de



Call for Papers zur ersten Kommissionstagung


„Kulturanalyse des Ländlichen“

Termin: 13. bis 15. September 2018

Tagungsort:
Universität Regensburg und Oberpfälzer Freilandmuseum Neusath-Perschen


Stadt, Land – Schluss?
Das Ländliche als Erkenntnisrahmen für Kulturanalysen

Die Erforschung kultureller Veränderungen in ländlichen und peripheren Regionen erfährt innerhalb der Europäischen Ethnologie aktuell eine Konjunktur. Laufende DFG-Forschungsprojekte (z.B. Sutter 2017–2019) illustrieren das gewachsene Interesse an Kulturen in ländlichen Gegenden ebenso wie eine Reihe von Dissertations- und Habilitationsprojekten (z.B. Decker i.V. 2018, Dietzig-Schicht 2016, Sperling 2017, Trummer i.V. 2018 u.a.), Sammelbände (z.B. Fenske/Hemme 2015) oder Studienprojekte (z.B. Scholze-Irrlitz 2008; Bauer/Flor/Graf 2016). Ein stets aktuelles Thema bildeten Entwicklungsprozesse des Ländlichen daneben für die Freilichtmuseen und Landesstellen, die zu den aktivsten Institutionen im Bereich dieser Forschungfelder zählen.

Im akuten Interesse der Europäischen Ethnologie am Thema spiegeln sich die elementaren Transformationen wider, die ländliche Regionen unter den Bedingungen globaler Vernetzung und Ent-Sicherung der Lebensverhältnisse weltweit gegenwärtig durchlaufen. Die „Umstellungskrisen“ (Henkel 2004) der ländlichen Räume materialisieren sich dabei einerseits in einem Rückbau der öffentlichen Infrastruktur, Abwanderung und demographischem Wandel. Andererseits entstehen aber auch neue Handlungsmöglichkeiten, Identitäten und Machtverhältnisse. Eine umfassende Diversifizierung der ländlichen Räume und der kulturellen Bewertung des Ländlichen ist die Folge. Das „Ländliche“ wird als Analysekategorie innerhalb dieser beschleunigten Ausdifferenzierung diffus. Gegenüber den Städten scheint „das Land“ in seiner Heterogenität als eigenständiger Raum spezifischer kultureller Prägung zunehmend zu verschwinden.
Gerade am Begriff des „Ländlichen“ – so wurde es auch auf der Gründungssitzung der dgv-Kommission Kulturanalyse des Ländlichen deutlich –, offenbart sich ein grundsätzliches Unbehagen. Häufig als „Restkategorie“ (Henkel 2004) des Urbanen verhandelt, führt seine Verwendung zu terminologischen, methodischen und semantischen Unsicherheiten, die in der Forschung (z.B. Gerndt 1973, Schwedt 1974) früh identifiziert wurden. Dennoch illustriert nicht nur die aktuell außergewöhnlich dynamische mediale Aushandlung, dass sich im problematischen Begriff des „Ländlichen“ spezifische Qualitäten, Wertzuschreibungen, Atmosphären und Imaginationen verbergen, die über einen Begriff, wie „regional“ weit hinausgehen. Auch empirisch illustriert etwa schon das Wahlverhalten in ländlichen Räumen (Brexit, Trump, Erdogan…), aber auch eigenständige, geschichtlich wie landschaftlich geprägte Freizeitmuster, Geschlechterrollen oder Arbeitskulturen, ein Bündel spezifischer kultureller Qualitäten, die das Ländliche als eigenständige Kategorie gegenwärtiger Alltage hervortreten lassen – gerade auch im Bewusstsein der AkteurInnen selbst (Henkel 2004).

Doch welche begrifflichen, aber auch theoretischen und methodischen Möglichkeiten stehen der Europäischen Ethnologie offen, das „Ländliche“ als erkenntnisleitende Kategorie für die Erforschung der skizzierten Transformationsprozesse und ihrer dynamischen öffentlichen Aushandlung zu nutzen?

Ziel des Workshops ist es, Terminologie und Epistemologie des „Ländlichen“ aus konkreten Forschungsprozessen heraus zu diskutieren. So sollen spezifisch europäisch-ethnologisch Perspektiven auf das Thema identifiziert werden, die es auf folgenden Arbeitstagungen weiter zu konkretisieren gilt.
Wie lassen sich unterschiedliche Zugänge zu Themen ländlicher Transformationsprozesse und ländlicher Imaginationen begrifflich rahmen? Wie lässt sich das „Ländliche“ jenseits essentialisierender Modelle „ländlicher Kultur“ in seiner alltagsprägenden Spezifik fassen? Wie lässt sich das „Ländliche“ als Gegenstand räumlich, sozial und historisch rahmen, ohne überkommene Stadt-Land-Dichotomien neu zu bedienen? In welchen Feldern materialisiert sich das „Ländliche“ und wie lässt es sich beschreiben? Über welche Methodik erschließen sich „ländliche“ Sachverhalte in ihrer Komplexität? Wie gelingt angesichts der Heterogenität ländlicher Räume und Imaginationen die Balance der Perspektiven – zwischen kollektiv-überregionalen Rahmungen und individuell-lokalen Mikrostudien?

Die Vortragenden werden gebeten, nach Möglichkeit aus ihren laufenden Forschungsprojekten, ihrer musealen Arbeit oder ihrem kulturpolitischem Aufgabenspektrum heraus zu illustrieren, wie sie ihr Thema im Ländlichen verorten, wie sie es begrifflich rahmen, methodisch fassen oder es theoretisch modellieren. Der Call richtet sich ausdrücklich auch an die VertreterInnen der Freilichtmuseen und Landesforschungsstellen. Zudem wird die Tagung versuchen, in Kontakt zu AkteurInnen in ländlichen Räumen (z.B. BürgermeisterInnen, HeimatpflegerInnen, LandwirtInnen) zu treten.

Zeitplan und Organisation

Ihre Abstracts im Umfang von maximal 3.000 Zeichen schicken Sie bitte zusammen mit Ihren Kontaktdaten und einem kurzen CV bis zum 15. März 2018 bitte an eine der folgenden Kontaktadressen: manuel [dot] trummer [at] ur [dot] de oder decker [dot] anja [at] gmx [dot] de    

Deadline für die Abstracts: 15. März 2018
Rückantwort: 15. April 2018
Programm: 15. Mai 2018

Eine anteilige Übernahme der Reisekosten der Vortragenden ist geplant.

Kontakt
Dr. Manuel Trummer (Regenburg)
manuel [dot] trummer [at] ur [dot] de

Anja Decker M.A. (Prag/München)
decker [dot] anja [at] gmx [dot] de

 

Kommission-Profil

Der Forschungshorizont der 2017 in Marburg gegründeten Kommission umfasst unter anderem folgende Problemkomplexe.

1)   Gegenwärtig erlebt das „Ländliche“ eine Konjunktur in ruralen wie urbanen Kontexten. In Zeiten globaler Vernetzung, Beschleunigung und Ent-Sicherung der Lebensverhältnisse erfahren ländliche Bilder und Narrative eine ebenso dynamische wie divergierende öffentliche Aushandlung. Pole des Spannungsfeldes sind zum einen Aspekte wie Gemeinschaft, Authentizität, Naturnähe, Gesundheit und Sicherheit, zum anderen Konsum, Freiheit, Exotik oder Nachhaltigkeit. In dieser politisch wie wirtschaftlich außerordentlich relevanten Aushandlung des Ländlichen spiegelt sich – meist populärmedial vermittelt – ein Spektrum kultureller Wertehaltungen, Befindlichkeiten und Bedürfnisse, das von romantisch „volkskulturellen“ Lesarten bis hin zur grünen Fortschrittsutopie reicht.
Welche Ikonographien mit welchen Bild- und Ideentraditionen vermitteln sich in diesem medialen Hype des „Ländlichen“? Welche kulturellen Wertehaltungen und Bedürfnislagen spiegeln sich darin?

2)   Verbunden mit neuen Modellen der Governance, der Digitalisierung, der Medialisierung und den Logiken des ästhetischen Kapitalismus verändern diese kollektiven Imaginationen die Handlungsmöglichkeiten der ländlichen Bevölkerung, etwa im ländlichen Tourismus oder der Vermarktung regionaler Produkte, auch in realiter. Sie führen vielfach zu neuen Machtkonstellationen, auch Ungleichheiten, beeinflussen ländliche Geschlechterverhältnisse und verschieben vielerorts die Beziehungen zwischen Stadt und Land.
Welche Folgen hat die aktuelle Konjunktur ländlicher Topoi für die „realen“ kulturellen Transformationen der ländlichen und peripheren Räume Europas – aber auch deren Wahrnehmung in den Städten? Inwieweit gerät die mediale Verhandlung des Ländlichen zum politischen Steuerungsinstrument, das in die Lücken der ländlichen „Umstellungskrisen“ (Henkel 2004) stößt oder diese verschleiert?

3)   Die bemerkenswerte aktuelle Konjunktur des „Ländlichen“ als kultureller Raumimagination gründet auf einer Reihe umfassender Veränderungen des physischen Raums: Weite Teile des ländlichen Europa durchlaufen im 21. Jahrhundert einen elementaren Transformationsprozess. Das prägende Movens ist im Wesentlichen dreifacher Natur. Zum einen verändert die internationale Ernährungsindustrie in ihrer Globalisierung landwirtschaftlicher Produktions- und Vertriebswege traditionelle Erwerbsformen in ländlichen Regionen grundsätzlich. Zum zweiten zeigt sich der umfassende Strukturwandel bestimmt durch eine Appropriation der ländlichen Räume durch die Konsum-, Tourismus- und Unterhaltungsindustrie. Sie schlägt sich etwa in der Veränderung der Landschaft durch die Etablierung von Freizeitparks, Erlebnisseen oder (Rad-)Wanderinfrastruktur nieder. Eine dritte, jüngere Entwicklung betrifft die Nutzung des dünn besiedelten ländlichen Raumes als Standort für erneuerbare Energien und deren Industrie, zum Beispiel in Form gewaltiger Solarfelder oder weithin sichtbarer Biogasanlagen. Diese Veränderungen der ländlichen Ökonomie äußern sich einerseits in einem Rückbau der öffentlichen Infrastruktur, Abwanderung und demographischem Wandel. Sie schaffen andererseits aber auch neue Arbeits- und damit verbunden Landschafts- und Kulturformen.
Eine weitere Diversifizierung der ländlichen Räume und ihrer Kulturen ist die Folge. Zu hinterfragen sind hierbei nicht allein die Veränderungen selbst, bzw. ihre Folgen, sondern im Besonderen auch die Akteure des Wandels (etwa LokalpolitikerInnen, Vereinsvorsitzende, Landwirte) und die Regimes, in denen diese globalen Veränderungen lokal ausgehandelt werden (LEADER-Förderprogramme, Agrar-Subventionen, etc.). Von Bedeutung ist dabei auch eine kritische Selbstreflexion der Forschenden, die als Experten ebenfalls den Diskurs mitbestimmen und nicht selten als Gutachter oder Berater aktiv eingreifen.

4)   Die konkreten Veränderungen in der alltäglichen gelebten Aushandlung des ländlichen Raumes, betreffen nahezu alle Bereiche der alltäglichen Lebenspraxis und reichen von neuen Kulturen der Arbeit, der Mobilität, der Freizeit und Beheimatung bis hin zu neuen Formen des Konsums, des Wohnens und Familienlebens. Sie schlagen sich in den kollektiven und individuellen Identitäten seitens der Akteure nieder. Neben defizitären „shrinkage mentalities“ (Dürrschmidt 2005) die sich häufig in Narrativen des „Zurückgebliebenseins“ artikulieren, entstehen mit Argumenten wie „Natur“, „Gemeinschaft“, „Freiheit“ vielfach auch dezidiert positiv besetzte Entwürfe eines „guten Lebens“ auf dem Land. Auch die Bewertung des Bäuerlichen durchläuft im Zuge der Transformation zahlreicher Betriebe und einer dynamischen Ideologisierung der Ernährungskulturen grundlegende, teils stark divergierende Veränderungen.
An welche Parameter knüpfen sich für die Akteure in ländlichen Räumen Vorstellungen von einem „guten Leben“ auf dem Land? Welche ländlich besetzten Identitäten und Habitus verbinden sich mit der Ausdifferenzierung des Ländlichen?

5)   Die gegenwärtigen Transformationen des ländlichen Alltags sowie die begleitende mediale Bildproduktion gründet auf Entwicklungen, die weit in das 18. Jahrhundert und davor zurückreichen und eng mit der Entwicklung der modernen Land- und Ernährungswirtschaft verzahnt sind. Besonders die Bedeutung der agrarischen Kulturen in den ländlichen Regionen und der damit verbundene Wertewandel des Bäuerlichen spielt hier erneut eine Rolle. Aktuelle Prozesse sollen daher aus ihrem historischen Kontext heraus verstanden und eingeordnet werden.

6)   Gerade am Begriff des „Ländlichen“ – so wurde es auch auf der Gründungssitzung der dgv-Kommission Kulturanalyse des Ländlichen deutlich –, offenbart sich ein grundsätzliches Unbehagen. Häufig als „Restkategorie“ (Henkel 2004) des Urbanen verhandelt, führt seine Verwendung zu terminologischen und semantischen Unsicherheiten, die in der Forschung (z.B. Gerndt 1973, Schwedt 1974) früh identifiziert wurden. Dennoch illustriert nicht nur die aktuell außergewöhnlich dynamische mediale Aushandlung, dass sich im „Ländlichen“ spezifische Qualitäten, Wertzuschreibungen, Atmosphären und Imaginationen verbergen, die über einen Begriff, wie „regional“ weit hinausgehen. Auch empirisch illustriert etwa schon das Wahlverhalten in ländlichen Räumen (Brexit, Trump, Erdogan…), aber auch eigenständige, geschichtlich wie landschaftlich geprägte Freizeitmuster, Geschlechterrollen oder Arbeitskulturen, ein Bündel spezifischer kultureller Qualitäten, die das Ländliche als eigenständige Kategorie gegenwärtiger Alltage hervortreten lassen – gerade auch im Bewusstsein der AkteurInnen selbst (Henkel 2004). Doch welche begrifflichen, aber auch theoretischen und methodischen Möglichkeiten stehen der Europäischen Ethnologie offen, das „Ländliche“ als erkenntnisleitende Kategorie für die Erforschung der ländlichen Transformationsprozesse und der dynamischen öffentlichen Aushandlung des Ländlichen zu nutzen?

Angesichts der skizzierten Entwicklungen und aktuellen Probleme besteht in der (Neu-)Fokussierung ruraler Kulturen ein dringendes Forschungsdesiderat für die Europäische Ethnologie. Die Komplexität ländlicher Bilder und Alltagspraxen bietet der Europäischen Ethnologie mit ihrem sensiblen, qualitativ-empirischen Instrumentarium die Chance, sich gegenüber Demographie, Politik und Statistik im Diskurs zu positionieren, Komplexität abzubilden, auf Widersprüche hinzuweisen und ein differenziertes Verständnis ländlicher Alltagskultur zu fördern.

Das Interesse am Thema ist hoch: dies belegen nicht nur verschiedene laufende Forschungsprojekte, die sich in unterschiedlicher Stoßrichtung mit Ländlichkeit und ländlichen Kulturen beschäftigen, sondern auch zahlreiche Abschlussarbeiten und Tagungen. Eine Kommission „Ländliche Kulturen“ kann die zahlreichen im Fach individuell zum Thema Forschenden vernetzen und zugleich den interdisziplinären Austausch im Rahmen der Rural Studies mit Nachbardisziplinen wie der Agrargeschichte sowie der Rural Sociology und Human Geographie konzertiert fördern.

Kontakt

Anja Decker, M.A.

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Doktorandin am Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie

Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)

Dr. Manuel Trummer

manuel [dot] trummer [at] ur [dot] de

Abteilung für Vergleichende Kulturwissenschaft

Institut für Information und Medien, Sprache und Kultur (I:IMSK), Universität Regensburg

 

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