Navigation überspringen.
Startseite

Die Dinge auf Reisen

Druckfreundliche Ansicht

8. Arbeitstagung der Kommission Toursimusforschung in der DGV

CfP

Es gibt Bilder, die nachhaltig wirken, auch dann noch, wenn sie längst zur Routine geworden sind. Dazu gehören sicherlich die TV-Szenen von Durchsuchungsaktionen auf Flughäfen, vom Auspacken und Aussortieren gerade auch der persönlichsten Dinge vor den Augen von Sicherheitsbeauftragten und Fernsehpublikum. Mit diesen Bildern hat sich unser Blick auf Reisen, unsere Aufmerksamkeit vor allem für die Dinge unserer Mitreisenden verändert, mehr denn je verweisen auch solche Momentaufnahmen auf die Dialektik modernen Reisens, auf Gleichzeitigkeiten und Widersprüchlichkeiten. Da ist das zeitgenössische Ideal der Mobilität, wonach das Reisen als Konzept von Bewegung und Veränderung besonders hoch zu bewerten ist. Damit aber kollidieren Vorstellungen von Sicherheit und Stabilität. Die Offenheit für Neues und Unbekanntes, das einem auf Reisen begegnet, braucht Verläßlichkeiten.
Individuelle wie kollektive Praktiken und Strategien der Balance zwischen den liebgewonnenen Routinen des Alltags und der erhofften Gegenwelt auf Reisen lassen sich am Umgang mit den Dingen ablesen, werden aber auch durch die Dinge selbst beeinflußt: Kommunikations- und Verkehrsmittel machen das Reisen erst möglich, aber erschweren es bisweilen auch. Die materielle Ausstattung eines Aufenthaltsortes ist ein wichtiger Faktor in der Entscheidung für ein Reiseziel und darum Gegenstand von Klagen und Gerichtsverfahren. Das Gepäck ist für viele Gegenstand komplizierter Überlegungen und auch Diskussionen vor der Reise - nicht selten auch danach. Eine Fokussierung auf die materielle Kultur des Reisens - der Touristen und für Touristen - kann helfen, den Blick auf die konkrete Erfahrungswelt des Reisens zu schärfen. Die Dinge stehen für Deutungsmuster und Ordnungen, ebenso wie für Lebensstile und Praktiken des Alltags.
Grundsätzlich sind es zwei Richtungen, in die zu fragen ist. Zum einen sind die Dinge selbst, in ihrer „spezifischen Kombination von Materialität, Form und Funktion“ (Gottfried Korff) in den Blick zu nehmen. Zum anderen geht es um das Erleben und Handeln mit den Dingen, in dessen historischen, aber auch biographischen, alters- und geschlechtsspezifischen Dimensionen.
Welchen Kosmos von schönen und geliebten, praktischen und notwendigen Dingen führen wir auf Reisen mit uns, welche Bedeutung schreiben wir diesen Dinge zu? Welches, durch gesellschaftliche Instanzen definierte Inventar an Dingen sollten wir mit uns führen (Ausweispapiere, Reiseapotheke)?
Welche Kommunikations- und Verkehrsmittel benutzen wir wie und inwiefern korrespondieren Wahl und Nutzung jeweils mit einem spezifischen Ideal oder Stil des Reisens?
Welche Rolle spielt Konsum auf Reisen? Wie shoppen wir auf Reisen? Warum lassen wir sog. Gästeartikel (aus Hotels) so gerne ‚mitgehen‘?
Welche Bedeutung hat die materielle Ausstattung der Feriendomizile? Geht es den Gästen eher darum, sich ‚wie zu Hause‘ zu fühlen oder darum, Fremde und Exotik zu genießen? Wie agieren und reagieren Anbieter (etwa Hotelketten) vor dem Hintergrund solcher Anforderungen?
Welche Objektbereiche werden von ökonomischen wie auch von politischen Handlungsträgern etwa in der Tourismuswerbung zu Leitobjekten für spezifische Räume und Zeiten stilisiert?
Welche Dinge sind auf Reisen und auch noch nach der Reise von besonderem „Schauwert“ (Mieke Bal) für die individuelle Reise- und Erinnerungskultur aber auch für die gesellschaftliche Praxis des Sammelns und Ausstellens im Museum?
Welche Veränderungen und Transformationen erfahren Dinge über die Kulturtechnik des Reisens und unter dem Einfluß ökonomischer und kultureller Transfers, wie sie nicht erst in zeitgenössischen Gesellschaften zu beobachten sind?

Mit all diesen Überlegungen und Fragen ist das Themenfeld um die Dinge auf Reisen, um deren Gebrauchsformen, Instrumentalität und Eigensinn, Bedeutungsebenen und Symbolhaftigkeit, lediglich angerissen - ein Themenfeld, das nicht anders als transdisziplinär zu bearbeiten ist. Wir würden uns freuen, wenn Sie unsere Skizze anregen könnte, ein das Forschungsfeld Tourismus in ungewohnter Perspektive zu betrachten oder womöglich auch ganz neu zu entdecken. Wir möchten Sie recht herzlich zu Beiträgen (von max. 20 Minuten) einladen und freuen uns über Vorschläge aus unterschiedlichen Disziplinen in deutscher oder englischer Sprache.
Senden Sie bitte Ihr abstract (max. 2.000 Zeichen) für einen 20-minütigen Vortrag bis zum 01. 06. 2007 an folgende Adresse: d [dot] seidl [at] vkde [dot] fak12 [dot] uni-muenchen [dot] de.
Die Autorinnen und Autoren der ausgewählten Beiträge werden per mail bis 30. 07. 2007 benachrichtigt.

Christiane Cantauw, Klara Löffler, Daniella Seidl

 

Tagungsprogramm

Donnerstag, 10.04.08

15.00 - 15.30

Johannes Moser/Daniella Seidl (München):
Begrüßung und Einführung

15.30 - 16.30

Dieter Kramer (Wien):
„Prosperitätstourismus und das letzte Hemd, das keine Taschen hat“. Über Ansprüche und die immaterielle Bedeutung des heutigen Tourismus

16.45 - 18.15

Christiane Cantauw (Münster):
Götz Alsmann auf Weltreise. Die Dingwelt in Reiseimaginationen

Antonio Miguel Nogues Pedregal
(Elche/Alicante):
Bourdieu on Holiday: an analysis of ‘tourist’
object consumption in a tourism environment.

19.00

Orvar Löfgren (Lund):
„Small things that matter. On the intense
materiality of tourism and travel.“

 

Freitag, 11.04.08

9.00 - 10.00

Burkhart Lauterbach (München):
„Fremde Dinge.“ Moscheen in westeuropäischen Metropolen als touristische Sehenswürdigkeiten

10.15 - 11.45

Burkhard Pöttler (Graz):
Der Urlaub im Wohnzimmer: Dinge als
symbolische Repräsentation von Reisen

Margarete Meggle-Freund (Karlsruhe):
Deutsche Spanienreisen - ausgestellt

12.00 - 13.30

Anja Peleikis (Halle):
„Der ‚Kuhrenkahn’ auf Reisen.“ Souvenir und Erinnerungsort für deutsche Heimattouristen

Sonja Böder (Münster):
Westfälische Kulinarik. Zwischen Reiseberichten und touristischer Vermarktung
13.30 - 15.00: Mittagspause

15.00 - 16.30

Katerina Kratzmann (Wien):
Hinterlassene Souvenirs

Anja Früh (Berlin):
Urbane Wahrzeichen? Zur Materialisierung und Lokalität in Berlin nach 1989 – eine Fallanalyse emblematischer Souveniers

16.45 - 18.15

Conny Eiberweiser (Wien):
Das Hotelbett

Michael Zinganel (Graz/Wien):
Frühstückspension und Eckbank. eine materielle und materialistische Kultur der sozialen Enge.

19.00

Öffentliche Podiumsdiskussion mit Hans Magnus Enzensberger (München):
„Eine Theorie des Tourismus“ (1958).
Eine Bestandsaufnahme nach 50 Jahren

 

Samstag, 12.04.08

9.00 - 10.30

Cord Pagenstecher (Berlin):
„Pixi geht wie ein Sofa über die Prachtstraße.“ Das Auto und seine Wahrnehmung im Tourismus des Wirtschaftswunders

Martina Kleinert (Göttingen):
Im Eigenheim um die Welt – Der Umgang
von Weltumseglern mit ihren Yachten

10.45 - 12.15

Kundri Böhmer-Bauer (München):
Dinge und ihr Weg auf und nach Trekkingreisen

Brigitte Bönisch-Brednich (Wellington):
Die Lust des leichten Reisens. Backpacking
und Materialität

12.30.-13.30

Klara Löffler (Wien):
Zusammenfassung und Abschlussdiskussion

 

Bericht

Bericht von: Helmut Groschwitz, Lehrstuhl für Vergleichende Kulturwissenschaft, Universität Regensburg. helmut.groschwitz[at]sprachlit.uni-regensburg.de

Mit dem Tagungsthema „Dinge auf Reisen“ hat die dgv-Kommission Tourismus­for­schung auf ihrer 8. Tagung das erneute Interesse an der materiellen Kultur aufgegriffen, das momentan im Fach zu beobachten ist. Nach Jahren einer vielfach motivierten Skepsis gegenüber den Dingen als Forschungsgegenstand und der fast ausschließlichen Betonung kultureller Pra­xen und Zuschreibungen, bekommen Dinge und kulturelle Objekti­vationen für die volkskund­liche Kulturwissenschaft eine neue Relevanz. Der Blick auf die Materialität der Lebenswelt wird unter neuen Vorzeichen als erkenntnis­theoretisches Analy­seinstrument für die For­schung nutzbar gemacht. Auch im Tourismus spielen Dinge eine entschei­dende Rolle: Rei­sebedarf, Transportmittel, Gebäude und Gebrauchsgegenstände vor Ort, Souvenirs und Reisean­denken sind Teil eines komplexen Systems, dessen Bedeutungsebenen gerade durch qua­litativ-em­pirische Analy­sen zugänglich gemacht werden können. Über die Gegenstände hin­aus interes­sieren deren Produktion, Distribution, Aneignung, Ordnung und Handhabung, ihre Bedeu­tung als Verbin­dungsglieder zwischen dem Daheim und der Fremde, sowie die sym­bolischen Aspekte, die Produktion und Veränderungen der Bedeutungen, die diese beglei­ten. Auf der Ta­gung wurde der Begriff der „Dinge“ weit gefasst und reicht, zusammengefasst als „materielle Kultur“, von Souvenirs über Objekte der Reise-Infrastruktur und Ausrüstungs­gegenstände bis hin zu ima­ginierten und symbolischen Dingen.
  
Dieter Kramer (Frankfurt) betrachtete die Koppelung des Tourismus als Prosperitäts­phäno­men mit materiellem Konsum. Er fragt danach, wie sich Räume des Exzesses (den Touris­mus immer darstellt) schaffen und gleichzeitig unverträgliche Praktiken vermeiden lassen. Imaginierten Dingen ging Christiane Cantauw (Münster) nach. Der Blick auf die Frage nach den Dingen, die man auf eine Reise mitnehmen würde, zeigt jenseits des tat­sächlichen Kof­ferinhaltes die Wertigkeit von Reiseutensilien bzw. jenen Dingen, die Heimat in der Fremde repräsentieren. Die mit dieser Frage verbun­dene Selbstinszenierung dient auch als Ausdruck von Distink­tion, wie sich im Vergleich zeigt.
Antonio Pedregal (Alicante) analysierte die wechselhafte Geschichte der bekannten Stier-Sil­houette vom Werbeträger für Osborne bis zum national belegten und variierten Symbol. Bei der Wechselwirkung verschiedener Inszenierungen spielte in einer bestimmten Phase der Tourismus eine Rolle, verlor diese aber auch wieder. Orvar Löfgren (Lund) behandelte die Ethnographie des Wartens, die sich aus dem Reisen und neuen Verkehrsmitteln ergebende Dingwelt und die damit verbundenen Rituale und Kultur­techniken, die gefunden werden mussten und wurden. Der Rückgriff auf die historische Genese, insbesondere der damit ver­bundenen neuen Emotionalität, erlaubt dabei, die Selbst­verständlichkeiten der Gegenwart zu hinterfragen. Das Konzept der „Nicht-Orte“ lehnt Löfgren ab, da an jedem Ort etwas passiert, die Idee von Nicht-Orten beruhe lediglich auf schlechter Ethnographie.
Burkhart Lauterbach (München) setzte sich mit frühen Moscheebauten in Paris und London auseinander und ging der Frage nach, wie mit diesen „historical artefacts“ als Produkten kulturellen Transfers zwischen Einbindung und Exotisierung touristisch umgegangen wird. Burkhard Pöttler (Graz) untersuchte Souvenirs als Teil der privaten Inszenierung des „Le­bensmuseums“ (Köstlin), sowie deren Veränderungen. Über die Erinnerungsfunktion hinaus können Souvenirs auch in „profanisierter“ Form zu alltäglichen Gebrauchsgegenstände wer­den. Er sucht daher nach den speziellen „Dingbiographien“. Über die Erinnerungs­funktion hin­aus lassen sich Dinge auch als Teil der Strategien einer Inbesitznahme des Reiseortes und der Kon­struktion der Reise verstehen.
Margarete Meggle-Freund (München) stellte das Ausstellungsprojekt „Viva Espana“ vor, bei dem sich die unterschiedlichen Zugänge und Kon­struk­tionen des Pilger- und Reiselandes Spa­nien in jeweils spezifischen und vielschichtigen Dingwelten widerspiegeln. Die Konstruk­tion von Region über Nahrungsmittel zeichnete Sonja Böder (Münster) am Bei­spiel Westfa­lens nach, ein fast prototypischer historischer Rückblick, der ähnlich in anderen Regionen zu beobachten ist. Einer Ablehnung ländlicher Speisen und Getränke im 18. Jahrhundert folgt seit dem 19. Jahrhundert eine Aufwertung des Regionalen bis hin zur touristischen Inszenie­rung für regi­onale Identität und lokalem Selbstverständnis, das dann auch von Ortsansässi­gen in einer Schau­funk­tion gegenüber Gästen in den Alltag integriert wird.
In einer eigenen Magistranten-Sektion stellte Martin Jonas (Wien) drei Fallstudien um die Vielfach(de-)codierbarkeit eines regional belegten Kleidungsstückes, der Lederhose vor. Anja Früh (Berlin) lenkte den Blick auf die Produzenten spezieller, modischer Berlin-Souve­nirs; der ausschließlich lokale und gegenwartsbezogene Blick versperrte dabei die Einord­nung in einen über­geordneten Kontext. Conny Eiberweisers (Wien) Mikrostudie zu Hotelein­richtungen zeigte Möglichkeiten aber auch Grenzen einer rein Ding-immanenten Deutung.
Dass der Gebrauch der Tafel beim Vortrag alles andere als obsolet ist, machte Michael Zin­ganel (Graz) bei seinem Vortrag deutlich. Er rekonstruierte mit feinsinnigem Humor die Ent­stehung typischer touristischer Hausgrößen in Tirol und die jeweils dahinter stehenden Rah­menbedingungen, insbesondere die jeweils neu zu berücksichtigenden Bedürfnislagen und die damit ver­bundenen Kontextualisierungen sozialer Nähe und Enge.
Die Rolle des Fortbewegungsmittels behandelten Cord Pagenstecher (Berlin), der über das Medium der persönlichen Photographie die Bedeutung des Autos auf der Reise und die In­szenierung des Fahrzeuges als personalisiertes Ding und „Familienmitglied“ zeigte, sowie Martina Kleinert (Göttingen), die über den Umgang mit dem Segler das Phänomen Weltum­segler zwischen Reise und Lebensstil zu greifen suchte. Deutlich wird hier die Gefahr der Übernahme der Eigenperspektive und die Notwendigkeit der Analyse des Umgangs mit dem Ding als Dis­tinktionsverhalten. Die Weitergabe von Ausrüstungsgegenständen am Ende der Reise untersuchte anschließend Kundri Böhmer-Bauer (München). Tauschrituale am Ende von Trekkingreisen zeigen sich polyvalent zwischen dem Bedürfnis einer Annäherung und dem Ausdruck kultureller Hegemonial­vor­stellungen.

In der Zusammenschau betonte Klara Löffler (Wien) die Bedeutung von Transfer und Transformation im Tourismus und dem vielschichtigen Zugang zu den Ding­welten. Die Mate­rielle Kultur ist ein essentieller Teil im medialen System des Tourismus. Rei­sen ist auch zu begreifen als differenzierte Konsumkultur. Dabei korrespondieren die touristi­schen Bilder und die Dinge auf Reisen, geben Bedienungsanleitungen und Ordnungen, transportieren Be­deutungen und verorten das Spannungsverhältnis von Eigenem und Fremden. Die Per­spek­tive auf die Dinge eröffnet den analytischen Blick auf symbolische Praxen, Routinen und In­szenierungen im Tourismus mit und über Materialität. Materielle Kultur kann als erkennt­nis­theoretischer Schlüssel eingesetzt werden, um Alltag und Reisen zusammen zu denken und analytisch zu fassen. Dennoch bedarf es hier stets genauer Definitionen und eines quellen­kritischen ethnographischen Arbeitens, das sich nicht im Anekdotischen verliert.
Chancen und Schwächen des kulturwissen­schaftlichen Blickes auf die „Dinge auf Reisen“ kamen in der abschließenden Diskussion zur Sprache. Die in der Münchner Tagung ver­suchte Perspektivenverschiebung auf die Materialität eröffnet neue Themenfelder und ana­lytische Zugänge, trägt aber immer noch die Gefahr einer allzu positivistischen Sicht in sich; es bedarf des verstärkten Augenmerks auf Theorie und Methodik, um nicht im rein Deskripti­ven zu verharren. Materielle Kultur und Tourismus zusammenzubinden erfordert begriffliche Schärfung und Theoriebildungsprozesse, um so Tourismusforschung für die Alltagsanalyse gewinnbringend einzusetzen. In diesem Sinne wird sich auch die 9. Kommissionstagung 2010 in Wien verstärkt mit theoretisch-methodologischen Fragen beschäftigen.

Termindatum: 
10. April 2008 - 12. April 2008
Tagungsort: 
Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie, München