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Dinge – Räume – Zeiten. Religion und Frömmigkeit als Ausstellungsthema

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17. Tagung der AG 'Sachkulturforschung und Museum'

Die Arbeitsgruppe „Sachkulturforschung und Museum“ traf sich vom 4. bis 6. Oktober 2006 auf Einladung des Museums Heimathaus Münsterland und Krippenmuseum Telgte im Münsterland. Unter den Leitworten „Dinge – Räume – Zeiten“ stand ein Thema von hoher politischer und gesellschaftlicher Relevanz im Mittelpunkt: Religion und Frömmigkeit als Ausstellungsthema. Anlass für die Einladung der Arbeitsgruppe nach Telgte war die geplante Neukonzeptionierung des Museums, das sich seit 1934 mit der religiösen Volkskunde des Münsterlandes befasst. Über die Geschichte des Hauses, die Sammlung und die bevorstehende Umgestaltung informierten der Leiter des Museums Thomas Ostendorf und die stellvertretende Museumsleiterin Anja Schöne die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung am Mittwochnachmittag im Rahmen eines Vortrags und einer Führung. Schon vor dem offiziellen Beginn der Tagung entwickelte sich eine lebhafte und oft kontroverse Diskussion, die sich vor allem um drei Themen drehte, die auch in den folgenden Tagen immer wieder angesprochen wurden: Die Frage nach der Einbeziehung von nicht-christliche Religionen in aktuellen Ausstellungsprojekten, nach den Vermittlungszielen bei der Thematisierung von Religion, Frömmigkeit und Glauben im Museum und nach dem Verhältnis von musealen und sakralen Räumen.

So waren die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer bereits auf das Thema eingestimmt, als nach den Grußworten am Donnerstagmorgen Christel Köhle-Hezinger (Jena) ihren Eröffnungsvortrag Religion zur Schau, Frömmigkeit zur Sammlung? Zur öffentlichen Wahrnehmung im Museum hielt. In ihren Ausführungen fragte Köhle-Hezinger vor allem danach, welche Bedeutung das Sakrale in der heutigen, als weitgehend säkularisiert empfundenen Gesellschaft einnimmt. In zahlreichen Beispielen zeigte sie auf, wie nicht-religiöse Räume sakral besetzt werden bzw. wie die Relikte der religiösen Vergangenheit zur Kulisse mutieren. Mittelaltermärkte in Klöstern, Dorfkirchen als Erinnerungsorte, museale Inszenierungen in Kirchenräumen bzw. die Sakralisierung von Kunsträumen – Beispiele für das Ineinandergehen von sakralen und quasi-sakralen Räumen sind laut Köhle-Hezinger in der heutigen Gesellschaft allgegenwärtig. Die Distanz zum ursprünglich streng abgegrenzten heiligen Raum nimmt durch diese Öffnung sakraler Räume ständig ab, wobei jedoch die Fremdheit im Umgang mit der Religion tatsächlich ständig zunimmt. Die Ästhetisierung der Räume geht einher mit einem Verlust von Wissen um die Bedeutung der religiösen Rituale und Raumstrukturen. Köhle-Hezinger sieht die Aufgabe der Museen in dieser Situation vor allem darin, den Umgang der Menschen mit der Sakralität zu erforschen und zu reflektieren. In der anschließenden Diskussion wurden viele Aspekte des anregenden Vortrags aufgegriffen und vor allem Fragen danach gestellt, wie die Museen mit der zunehmenden „ikonischen Alphabetisierung“ der Besucher umzugehen haben und ob die Definition von Religion und Religiosität in der modernen Gesellschaft nicht auch völlig abgelöst von Kirche und Kirchlichkeit gedacht werden müsse.

Susan Kamel (Berlin) setzte sich in ihrem Vortrag Religiöse Erfahrung ist wie ästhetische Erfahrung: Phänomenologische Ansätze in Kunst und Theologie kritisch mit der Annäherung von kirchlichen und musealen Erlebnisräumen auseinander. Auch sie beobachtete eine (wieder) zunehmende Sakralisierung der Museen und stellte vor allem die sich daraus ergebenden Präsentations- und Rezeptionsstrategien in Frage. Ihrer Beobachtung nach orientiert sich die Vermittlung von Religion im Museum häufig an denselben Leitlinien, die auch für die Vermittlung von religiösen Erfahrungen genutzt werden und die vor allem in einer nicht-diskursiven, sondern vielmehr sinnlich-ästhetischen Auseinandersetzung und in der Forderung nach einer unmittelbaren, individuellen Begegnung mit dem religiösen Objekt bestehen. Kamel verwies darauf, dass sich diese Herangehensweise auch in der Gestaltung der Ausstellungsräume deutlich widerspiegele: Religiöse Objekte würden inszeniert wie Kunstgegenstände, würden aus ihrem ursprünglichen Deutungs- und Symbolsystem gelöst und nicht erklärt, sondern vielmehr mystifiziert. Kamel forderte hingegen vehement andere Vermittlungsstrategien von den Museen ein: Nicht andächtiges Schweigen vor dem Objekt, sondern diskursive Auseinandersetzung müsse beim Besucher hervorgerufen werden. Dazu gehöre unbedingt die Einordnung der religiösen Objekte in ihren kulturgeschichtlichen Kontext. Nicht die Beschränkung auf das ästhetische Erlebnis, sondern eine Verbalisierung der unterschiedlichen Bedeutungsebenen sei die geeignete Strategie, wenn Religion im Museum zum Thema gemacht werde.

Ein konkretes Beispiel für den Umgang mit dem Thema Religion im Museum stellte Jane Redlin (Berlin) vor. Schon im Titel ihres Vortrags Du sollst dir kein Bild machen – der Versuch der Darstellung des Undarstellbaren deutete sich eine andere Position als die zuvor von Susan Kamel vertretene an. Redlin stellte ihren Ausführungen zwei Thesen voran: 1. Das wichtigste Kennzeichen von Religion sei der individuelle Vollzug und das individuelle Erleben. Religion an sich sei demnach undarstellbar. 2. Darstellbar seien hingegen Formen und Objektivationen, in denen das religiöse Gefühl nach Außen tritt. Diese Dinge verlören jedoch im Museum ihre ursprüngliche Transzendenz und erhielten dort einen neuen Verweisungszusammenhang. Ausgehend von diesen Thesen stellte Redlin das 1999 im Museum Europäischer Kulturen realisierte Projekt „Du sollst dir kein Bild machen“ vor. In dieser Ausstellung stand der unterschiedliche Umgang mit Bildern in fünf verschiedenen Religionen (islamisch, jüdisch, christlich-orthodox, katholisch, evangelisch/protestantisch) im Mittelpunkt. Als Fazit der Ausstellung sah Redlin ihre Ausgangsthesen bestätigt: Die Funktionalisierung von Bildern und die Auswirkungen von Bilderverboten und -geboten in den verschiedenen Religionen konnte vergleichend dargestellt werden, die entscheidenden Differenz zwischen den Religionen und der individuelle Glaubensvollzug konnte und kann im Museum jedoch nicht vermittelt werden. Die These der Undarstellbarkeit von Religion und religiöser Erfahrung wurde anschließend intensiv diskutiert und in Frage gestellt. Denn letztlich – so der Einwand – herrsche in vielen Bereichen des Lebens kulturelle Komplexität vor und müsse für eine Darstellung im Museum reduziert werden.

Auf diese ersten Vorträge, in denen eher grundlegende Fragen der Darstellung und Darstellbarkeit von Religion im Museum behandelt wurden, folgte eine Reihe von Fallbeispielen. Den Anfang machte Monika Kania-Schütz (Glentleiten), die Zwei Fallbeispiele musealisierter Frömmigkeit zwischen idealtypischer Rekonstruktion und der Vision einer zeitgemäßen Vermittlung vorstellte. Als erstes Beispiel beschrieb sie die Übernahme einer Kapelle aus Kirnberg bei Murnau in das Freilichtmuseum Glentleiten vor. Kania-Schütz führte vor, wie die Besucher den sakralen Raum trotz der Hinweise auf musealer Präsentation und Inszenierung immer noch sehr stark als Angebot für eigenes religiöses Erleben wahrnehmen. In ihrem zweiten Beispiel beschrieb Kania-Schütz einen Bestand von über 270 religiösen Gegenständen, der sich im Laufe von Jahrhunderten in einer Privatkapelle angesammelt hatte und 1993 ins Museum Glentleiten übernommen worden war. Durch zahlreiche Fotos ermöglichte Kania-Schütz den Tagungsteilnehmern einen Blick in die ursprüngliche, von Objekten überbordende Kapelle und auf die große Variationsbreite der Objekte, von denen viele von verschiedenen Besitzergenerationen selbst angefertigt worden sind. Ausgehend von dieser Vorstellung problematisierte Kania-Schütz die Schwierigkeiten, diesen Bestand so aufzubreiten, dass die Präsentation einer heute fremd und exotisch anmutenden religiösen Welt nicht ähnlich wie die Kirnberger Kapelle den Besucher eher zur Identifikation denn zur Auseinandersetzung anregt.

Zwei Beispiele aus dem Freilichtmuseum Detmold stellten Ralf Nitschke (Berlin) und Kirsten Bernhardt (Münster) vor. Beide beschäftigten sich jeweils mit einem ins Museum translozierten Gebäude, das von ihnen für die museale Präsentation erschlossen wurde. Nitschke machte den Anfang und lud unter dem Motto Alle Arbeiten zur Ehre Gottes in das Pastorat aus Allagen ein, das ursprünglich von Pfarrer Joseph Schafmeister (1843–1919) bewohnt wurde. Heute dient das Gebäude dazu, das Leben und Arbeiten eines katholischen Pfarrers um 1900 zu visualisieren. Die gute Quellenlage ermöglichte es, hier einen biographischen Ansatz umzusetzen, der von den Besuchern des Museums sehr gut angenommen wird. Während das Pastorat eher rekonstruierend eingerichtet ist, wählte man bei der Erschließung des 1824/25 in Rinkerode errichteten Armenhauses einen anderen Weg: Kirsten Bernhard beschrieb in ihrem Vortrag Soziales Engagement mit religiösem Hintergrund das spannende Konzept einer fast künstlerischen Inszenierung des Hauses, bei dem visuelle und akustische Installationen im Mittelpunkt stehen. Durch diese Installationen erschließen sich den Besuchern trotz der zurückhaltenden Verwendung von erläuternden Texten deutlich die ursprünglichen Funktionen des Hauses und die Spannungen, die das Zusammenleben der früheren Bewohnerinnen prägten. Die Möglichkeiten und Grenzen, religiöses Leben in einem Stadtmuseum auszustellen, thematisierte Martin Wedeking (Münster) in seinem Vortrag Konfessionalität als Normalität. Das religiöse Leben im Jahr 1868 als Thema der Dauerausstellung des Stadtmuseums Gütersloh.

Den Abschluss des Tages bildete der öffentliche Abendvortrag von Wolfgang Brückner (Würzburg) der noch mal zahlreiche Beispiele für die Erforschung und Ausstellung von Religion als gegenwärtiges Problem historischer Kulturwissenschaften brachte. Brückner empfahl dabei die Auswechselung des schwierigen und vorbesetzten Begriffs „Volksfrömmigkeit“ durch den Begriff der „Praxis Pietatis“ und warnte bei der Beschäftigung mit diesem Thema gleichzeitig vor einer zu starken Separierung von Objekt- und Wissenschaftsbereichen. Erst die Wahrnehmung der benachbarten Wissenschaften und der weite Blick auf das gesamte Forschungsfeld „Religion“ entsprächen diesem hochkomplexen Forschungsgegenstand und könnten zu fundierten Ergebnissen führen.

Den dritten Tagungstag eröffnete Ulrike Surmann (Köln), indem sie Kolumba. Das Kunstmuseum des Erzbistums Köln vorstellte. Das Konzept des Hauses, in dem seit 1953 gleichermaßen religiöse Kunst und Gebrauchsgegenstände gesammelt werden, sowie der aktuelle Neubau, der das Fachgrenzen überschreitende Konzept auch räumlich umsetzen will, sorgten für viele Nachfragen. Gerade das Nebeneinander und Miteinander von Objekten bildender Kunst mit Gegenständen religiöser und sakraler Provenienz sorgten für eine intensive Diskussion und ließen auch wieder die Fragen des Vortages nach ästhetischem Erleben vs. kulturhistorischer Kontextualisierung aufkommen. Auch der Vortrag von Martin Hoernes (Bad Gandersheim) über das „Portal zur Geschichte“ in Bad Gandersheim befasste sich mit einem ungewöhnlichen Miteinander: In Bad Gandersheim ist in dem noch als Kirche genutzten Gebäude der Stiftskirche eine Ausstellung zur Geschichte der Kirche und einen in den 1990er Jahren wiederentdeckten Kirchenschatzes eingerichtet worden. Auf besonderes Interesse der Zuhörerinnen und Zuhörer stieß dabei auch die spannende und innovative Ausstellungsgestaltung, die auf den ungewöhnlichen Raum und das ungewöhnliche Thema einfühlsam eingegangen ist. Ein weiteres Ausstellungsprojekt präsentierte Britta Bley (Bielefeld). In der Ausstellung Zwischen Himmel und Erde, Evangelische Kirche und Moderne in Bielefeld im Historischen Museum Bielefeld sollte vor allem das abstrakte Phänomen der Kirchenkreise vermittelt werden. Da die Ausstellung zu diesem Zeitpunkt noch nicht eröffnet war und somit keine Bilder gezeigt werden konnten, blieb die Umsetzung des Konzepts leider etwas vage. Viele Bilder aus einer von ihr konzeptionierten und umgesetzten Ausstellung im Ruhrtalmuseum Schwerte zum Thema „Konfirmation“ zeigte hingegen Christine Schönebeck in ihrem Vortrag Fremde Nähe. Die Kontexte des Religiösen. Schönebeck entwickelte dabei die These, dass die Menschen heute zwar immer weniger Kontakte zur Amtskirche suchen, aber dennoch immer noch viele Erfahrungen und Erinnerungen an einen religiösen Kontext knüpfen. Die Ausstellung in Schwerte entstand vor allem auf der Grundlage von biografischen Interviews und diese Vorgehensweise zeigte, wie lebendig die Erinnerung an dieses Ereignis bei vielen Menschen auch nach Jahrzehnten immer noch ist. Gabriele Stüber (Speyer) berichtete über ein Projekt des Zentralarchivs der Evangelischen Kirche in Speyer mit dem Ziel Religiösen Themen Bild und Stimme geben. Seit einigen Jahren nutzen die Mitarbeiter des Archivs die Bestände des Hauses, um kleine Ausstellungen zu religiösen Themen zu konzipieren. Die Ausstellungen werden nicht nur im eigenen Haus gezeigt, sondern auch als Wanderausstellungen verliehen. Eher ungewöhnlich für heutige Ausstellungen sind die langen Texte, die aber wie Stüber betont, von den Besuchern akzeptiert und angenommen werden. Während sich die meisten Vorträge mit den traditionellen Religionen befassten, ging Helmut Groschwitz (Regensburg) darüber hinaus und nahm die Darstellungsmöglichkeiten moderner populärer Religiosität im Museum in den Blick. Er stellte die Frage, inwieweit aktuelle Formen der Esoterik als funktionales Äquivalent zur traditionellen Religion verstanden werden können und wie Museen mit diesem Phänomen umzugehen haben. Der letzte Vortrag, gehalten von Werner Unseld (Ludwigsburg) vom Landeskirchlichen Museum Ludwigsburg, markierte nicht nur das Ende der Tagung, sondern auch den Abschluss einer Ära: Unseld berichtete unter dem Titel Zwischen Kanzel und Kehrwoche. 12 Jahre Landeskirchliches Museum Ludwigsburg über ein Museum, das es zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr gab. Anfang 2006 ist das Landeskirchliche Museum, das seit 1994 in der Garnisonskirche in Ludwigsburg untergebracht war, geschlossen worden. Unseld vermutete die Gründe für die Schließung in der zunehmenden kulturgeschichtlichen Ausrichtung des Museums, die zu wenig dem „Verkündigungsauftrag“ der Amtskirche entsprochen hätte. Sein Rückblick auf die durchgeführten großen Ausstellungen zeigte, dass jedoch gerade diese Auffassung den Themen Religion und Kirchengeschichte immer wieder neue Aspekte abgewinnen konnte.

Die Abschlussdiskussion wurde eingeleitet durch einen Rückblick auf die Themen der Tagung durch Anita Bagus (Jena). Sie wies darauf hin, dass Religion auch in einer Zeit, in der die Amtskirchen immer weniger Zuspruch erfahren, Konjunktur habe. Die Erscheinungsformen, Rituale und Systeme der traditionellen Welterklärungsmuster befänden sich jedoch in der heutigen Gesellschaft in ständiger Auflösung und Neustrukturierung und müssten daher genau und differenziert analysiert werden. Die dabei entstehenden neuen Formen von Frömmigkeit und Religiosität dürften die Museen jedoch nicht ignorieren, sondern müssten sich der Aufgabe stellen und diese ebenso erforschen und ausstellen wie die traditionellen Formen der Religiosität. Bagus forderte daneben – auch im Vergleich der Vorträge der letzten Tage – eine ständige Reflexion der verwendeten Begriffe ein. An ihre Ausführungen schloss sich eine intensive Diskussion an, die auch immer wieder die geplante neue Ausstellung in Telgte in den Blick nahm. Der durchgängig rege, oft auch kontroverse Austausch der Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer bewies die Aktualität des gewählten Themas und zeigte den Gastgebern in Telgte, dass sie mit der Neu- und Umgestaltung ihres Museums sicher nicht nur bei den Fachkollegen auf großes Interesse stoßen werden.

Dr. Britta Spiess

Termindatum: 
4. Oktober 2006 - 7. Oktober 2006
Tagungsort: 
Telgte