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Kommissionstagung 2012

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„Altes neu gedacht”
Rückgriff auf Traditionelles als Form von Innovation bei musikalischen Gegenwartskulturen

Tagung der Kommission zur Erforschung musikalischer Volkskulturen der dgv
Datum: 3. bis 6. Oktober 2012
Veranstaltungsort: Katholische Akademie Stapelfeld

 

Anglizismen wie „Revival“, „back to the roots“, oder auf deutsch (pejorativ) „Neotraditionalismus“ sind moderne Begriffe für etwas, das wohl allzeit in der Natur des Menschen selbst verankert war. Denn Rückbesinnungen auf vergangene musikalische Epochen oder einzelne Musikstile sind nichts Neues oder gar Revolutionäres. So griff man im Zeitalter der Renaissance in den Künsten auf Vorbilder der griechischen und römischen Antike zurück. Die Idee vom Volkslied im 19. Jahrhundert war (und ist teilweise immer noch) geprägt von Reminiszenzen an die guten alten Zeiten, an das Echte und Wahre. Nicht anders verhielt es sich bei der Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Wandervogelbewegung, die eine Gegenreaktion auf fortschreitende Industrialisierung und die Entfremdung von der Natur darstellte, indem man sich „alter Volkslieder“ bediente. Während der Folkbewegung (in den USA wie Europa) griff man ebenfalls auf Melodien und Texte der Vergangenheit zurück, arrangierte diese neu oder ahmte sie nach. In den 1950ern wiederum kam es in Deutschland zu einem Dixieland-(Jazz)-Revival, eine Hommage an die guten alten Tage des Jazz.

So sehr die Rückbesinnung auf musikalisch Vergangenes somit quasi ein Kontinuum darstellt, so sehr unterscheiden sich doch die Musikstile oder ihre Einzelparameter, die zu bestimmten Zeiten wieder aufgegriffen werden, sowie die Art und Weise der Neuinterpretationen. Denn freilich ist der Rückgriff auf Altes nie das Alte selbst, sondern Neues, das eine Mixtur von Traditionellem und Zeitgemäßem darstellt und so der Gegenwart angepasst wird. Die richtige Dosis (aus Altem und Neuem) scheint entscheidend dafür zu sein, ob es gefällt, von einem Publikum letztlich angenommen wird. Dabei kommt es nicht selten zu Spannungsfeldern, gar Kontroversen zwischen Traditionalisten und Modernisten (innerhalb der Gruppen wie des Publikums), die sich beispielshalber auf eine einstmalige Einbindung einer Musik in einen kulturellen Kontext erstrecken können.

Dessen ungeachtet kann sich der Regress auf „Traditionelles“ in verschiedenen musikalischen oder gar außermusikalischen Parametern manifestieren. Von besonderer Relevanz sind hierbei das Instrumenatrium, Spieltechniken, Melodieformeln, Kadenzen, Texte und – außermusikalisch – die Kleidung in Gestalt von Trachten bzw. in weiterem Sinne dem Bühnen-Outfit. Konkrete Beispiele hierfür sind:
 

1.  Fristete das Alphorn über lange Zeit hinweg nur noch ein Schattendasein, da es seine Funktion als Kommunikations-Werkzeug der Hirten bereits um 1800 verloren hatte, änderte sich dies in der Folge. Die Wiederbelebung der Tradition des Alphornspielens führte dazu, dass dem Instrument fortan nicht nur ein Platz im Instrumentarium der Ernsten Musik zukam, sondern es Ende des 20. Jahrhunderts von Vertretern der „populären Musik“ (z. B. die Kölner Gruppe „Dicke Luft“, der Schweizer Musiker Pepe Lienhard „Swiss Lady“) aufgegriffen wurde, ja heute sogar beim Jazz/Funk/Blues (z. B. Eliana Burki) verwendet wird.

2. Wie sich Tradition in musikalischer und Moderne in textlicher Hinsicht vermischen können, wird anhand der bayerischen Gruppe „Biermösel-Blosn“ deutlich. Nach eigenen Angaben spielen sie „traditionelle bayerische Musik“, die wiederum als musikalisches Fundament für Texte zeitgemäßen Inhaltes dient (z.B. „Laptop und Aludosn“, „Wiesenblues“, „Window 98“).

3. Ähnlich verhält es sich bei der Hommage an den deutschen Schlager der 1920er und 30er Jahre, wie sie Max Raabe und dessen Palastorchester nebst den zahlreichen Imitatoren der „Comedian Harmonists“ verkörpern. Nicht selten werden von ihnen Texte mit aktuellen Thematiken (z. B. Max Raabes „Kein Schwein ruft mich an“) im musikalischen Duktus jener Zeit dargeboten und entfalten gerade dadurch eine besondere Ironie.

4. Was die Einbeziehung von „Altem” in stilistischer bzw. spieltechnischer Hinsicht betrifft, ist die Gruppe Vaya Con Dios mit dem Titel „Nah neh nah“ aus dem Jahr 1990 zu nennen. Die Gitarrenanklänge im Stile Django Reinhardts aus dem „Jazz der Manouche“ prägen das ansonsten kommerziell orientierte, eingängige Musikstück und scheinen damals den Nerv eines großen Publikums getroffen zu haben.
 

Ähnliche Beispiele, die aufzeigen, dass Ensembles der Gegenwart „Altes neu denken” existieren wohl bei diversen musikalischen Stilen, ungeachtet dessen, ob man diese als Volksmusik, Weltmusik, Jazz/Rock/Pop, Schlager, Chanson, Techno, Hip Hop oder Heavy-Metal etikettiert. Sollten Sie Interesse haben zu dieser Thematik ein Referat beizusteuern oder als Zuhörer an der Kommissionstagung 2012 teilzunehmen, dann melden Sie sich bitte bei Herrn Näumann, Vorsitzender der Kommission, an. Ein Anmeldeformular ist diesem Rundbrief beigefügt.

Falls Sie einen Vortrag halten möchten, würden wir Sie um ein (kurzes) Abstract bitten. Teilen Sie uns bitte bis spätestens 20. September 2011 mit, ob und zu welchem Thema Sie ein Referat halten möchten. Dieser frühe Termin ist notwendig, da die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), von d