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Musikalische Volkskulturen und elektronische Medien

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Kommissionstagung 2004 in Köln vom 14.-16. Oktober 2004

"Musikalische Volkskulturen und elektronische Medien"

 

Programm

Siehe Webseite der Kommission: http://www.uni-koeln.de/ew-fak/Mus_volk/programm2004.htm

 

Einige Gedanken zum Thema: http://www.uni-koeln.de/ew-fak/Mus_volk/medientagung.htm

 

Tagungsbericht

Den Umgang mit Musik im sogenannten Medienzeitalter thematisierte die Kommission zur Erforschung musikalischer Volkskulturen bei ihrer Tagung in Köln, nachdem sie sich mit dieser Problematik zuletzt intensiv vor über einem Vierteljahrhundert beschäftigt hatte (Bremen 1978). Gleichzeitig beging der Gastgeber, das Institut für Musikalische Volkskunde der Universität zu Köln, mit dieser Tagung sein 40jähriges Bestehen, lag doch die Leitung bzw. Programmgestaltung der Kommission seit 1974 in den Händen derzeitiger bzw. ehemaliger Angehöriger des Instituts.

Ein großer Teil der insgesamt 24 Referate widmete sich den neuen Medien und deren Gebrauch. So führte der Kölner Institutsdirektor Reinhard Schneider in die Problematik Musikalische Volkskulturen und Internet ein und berichtete Joachim Stange-Elbe (Universität Osnabrück und Rostock) über das Ausleben musikalischer Kreativität beim „Zusammenstellen“ (nicht „Komponieren“) „neuer“ Musik am Computer (Der Computer als musikalisches (Re)Produktionsmittel).

Astrid Reimers (Universität zu Köln) versah den Titel ihres Beitrags Klingeltöne – ein Thema für die Musikalische Volkskunde? mit einem Fragezeichen. Dies allerdings erwies sich als unnötig, denn sie belegte detailliert und überzeugend, dass es sich beim heutigen Herunterladen von Musikstücken als Klingeltöne auf das Handy um ein massenkulturelles Phänomen handelt. Es schafft die Aura von Individualität, bildet ein Kommunikationsmedium (gegenseitiges Vorspielen) und ist ein Gestaltungsfaktor. Der kreative Klingeltonumgang betrifft zudem nicht nur Jugendliche, sondern auch „Oldies“ um die 40. Daneben stellte die Referentin Klingeltöne als einen nicht unerheblichen Profit abwerfenden Markt dar.

Gerrit Herlyn (Universität Hamburg) berichtete von einem Projekt, dessen Gegenstand die individuelle Gestaltung von Tonbandkassetten mit ganz auf die Person zugeschnittener Lieblingsmusik war, wobei nach musikalisch-kreativer Selbsterkundung einem Partner ein möglichst genaues Bild von sich selbst auf emotionale Weise vermittelt und damit mehr ausgesagt wird, als Worte es vermögen (Das Paradox der Kreativität. Zur biographischen Deutung des Medienumgangs im Ausstellungsprojekt „KassettenGeschichten“).

Den ewigen Streit um GEMA-Ansprüche, verstärkt bei medial reproduzierter Volksmusik, thematisierte Ernst Schusser (Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern): Volksmusik in Oberbayern gestern und heute zwischen Wirtshaus, Studio und GEMA.

Mit der Problematik der Archivierung von Tonaufnahmen bzw. deren Nutzung befassten sich mehrere Referate. Gabriele Berlin berichtete über den Bestand früher Aufnahmen von Musik außereuropäischer Völker und der seit 1999 zum Weltkulturerbe zählenden Edison-Edition des Berliner Phonogrammarchivs, des Entstehungsorts der Vergleichenden Musikwissenschaft. Als Aufgabe formulierte sie die Popularisierung der Musik in den ehemaligen kolonialen Aufnahmeländern (Wissenschaftliches Potential und kulturpolitische Grenzen. Über Sinn und Unsinn von Musikarchivierung). – Über die Erarbeitung einer mittels Internet öffentlich zugänglichen Datenbank mit Volksmusik aus allen österreichischen Bundesländern informierten Michaela Brodl und Nicola Benz (Österreichisches Volksliedwerk, Wien): INFOLK-Dokumentenverwaltung. Das Verwalten und die Digitalisierung von Tondokumenten im Archiv des Österreichischen Volksliedwerkes. Ebenso wie das Berliner ist das Wiener Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften um 1900 gegründet worden. Helga Thiel (Phonogrammarchiv Wien) stellte Feldforschungsmaterialien im Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Zeitraum zwischen 1899 und 1940 vor und berichtete über die technisch schweren Anfänge von Feldaufnahmen – das im wörtlichen Sinne, wogen doch die ersten Phonographen 45 kg.

Eckhard John (Deutsches Volksliedarchiv Freiburg i. Br.) stellte in seinem Beitrag Das Volkslied im Internet. Die neue Lied-Edition des Deutschen Volksliedarchivs (Freiburg i. Br.) – Konzeption und Perspektiven das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft zunächst zwei Jahre lang geförderte Projekt Freiburger Anthologie. Lyrik und Lied online vor. Als Gemeinschaftswerk des Deutsches Seminars der Universität Freiburg, des Deutschen Volksliedarchivs Freiburg und des Gesangbucharchivs der Universität Mainz sollen deutschsprachige Gedichte, populäre und traditionelle Lieder sowie Kirchenlied und geistliches Lied als Internet-Edition mit Kommentaren und Quellenangaben aufbereitet werden. – Mit der besonderen Situation des Protokollierens mit ihrer nur ausschnitthaften Erfassung der Wirklichkeit setzte sich Manfred Seifert (Universität Passau) auseinander: Forschungsperspektiven zur Volksmusik im Wandel der Dokumentationstechnik: Fortschritte und Nebenwirkungen beim Einsatz neuer Medien.

Dem elektronischen Medium Radio galten drei Referate. Der Musikredakteur und Leiter der Programmgruppe Musik beim WDR 3, Werner Wittersheim, stellte das (gegenüber anderen Anstalten, etwa dem mdr, so die Ansicht des Berichterstatters) vorbildliche Engagement des Senders bei der Vermittlung traditioneller Musik dar, wobei zwischen Weltmusik und Volksmusik nicht unterschieden wird und die Beiträge gleichermaßen informierenden wie unterhaltenden Ansprüchen genügen müssen. Marianne Bröcker (Universität Bamberg, Kommissionsvorsitzende) berichtete aus ihrer Tätigkeit als freie Mitarbeiterin bei verschiedenen Sendern über Traditionelle europäische Musik im Rundfunk, und Ursula Hemetek (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien) referierte über ihre Arbeit mit Studenten, die monatlich eine Sendung im Radio gestalten (StudentInnen machen Radio: traditionelle Musik von Minderheiten als Einstieg in den gestalterischen Umgang mit dem Medium. Analysen, Erfahrungen und Schlussfolgerungen aus einem Projekt des Instituts für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie).

Eine beachtliche Zusammenstellung von Internetadressen nebst den darin vermittelten Angeboten zum Volkstanz mit Sachinformationen, Mitmach- bzw. Lernprogrammen präsentierte Volker Klotzsche (Hannover) in seinem Vortrag Volkstanz in Deutschland und die elektronischen Medien. – Die Rolle des Fernsehens als Tradierungsmittel von Volksliedern zeigte Peter Fauser (Volkskundliche Beratungsstelle, Erfurt) am Beispiel einer ehemaligen Sendereihe auf („Alles singt“ – Vom Volkslied-Flimmern im DDR-Fernsehen), und Günther Noll (Universität zu Köln) wandte sich Neue(n) Kinderlied-Produktionen in ihrer Präsentation durch die elektronischen Medien in der DDR zu. – Die Wechselwirkung von Volksmusik und deren medialer Vermittlung stellte Elvira Werner (Sächsische Landesstelle für Volkskultur, Schneeberg) mit ihrem Beitrag Dominiert Medieneinfluss die Tradition volksmusikalischer Regionalität in der Kulturlandschaft des Erzgebirges? dar. – Die Musikverbreitung durch das Massenmedium Radio als Grundlage kritischer Liedparodien bildete den Gegenstand des Referates NS-Regimekritik in Medienhits von Wilhelm Schepping (Universität zu Köln).

Mehrere Referenten beschäftigten sich mit Volks- bzw. popularen Musikkulturen aus verschiedenen europäischen Ländern bzw. anderen Kontinenten und mit der Musik von Migrantengruppen in Deutschland:
Heiko Fabig (Hamm) sprach über russlanddeutsche Musikkultur in Amerika (Ton- und Musikbeispiele im Reisebericht eines russlanddeutschen Forschers), Elena Schischkina (Astrachan) beklagte, dass die Wiederbelebungsversuche alter musikalischer Volkskulturen vom Fernsehen Russlands nicht wahrgenommen würden (Musikalische Volkskultur in den Massenmedien Russlands – Tendenzen und Fragen), und Sadhana Naithani (Jawaharlal Nehru University, Neu Delhi) referierte über Musikalische Volkskultur in indischen Filmen. Erfahrungen aus dem Spannungsfeld von Tourismus und einheimischen Musikproduktionen in den Bereichen Folk, Pop und Rock aus Nepal vermittelte Bernhard Fuchs (Universität Wien) in seinem Beitrag Volksmusik-DVDs als Realitätsausschnitte.
Eine neue musikalische Balkankultur einerseits und Jugo-Nostalgie (Jugo-Rock) andererseits bildeten den Gegenstand des Vortrags von Alenka Barber-Kersovan (Arbeitskreis Studium Populärer Musik): Von „Balkan-Rock“ bis „Balkania“ – eine virtuelle Region sucht ihre kulturelle Identität. Dorit Klebe (Berlin) schließlich untersuchte Einflüsse der elektronischen Medien im interkulturellen Austausch der Musik türkischer Migranten in Deutschland und dabei vor allem die Rolle des hauptstädtischen Senders Multiculti.
(Peter Fauser)

Termindatum: 
14. Oktober 2004 - 16. Oktober 2004
Tagungsort: 
Köln