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Medikale Zeiten - Zur zeitlichen Dimension von Krankheitserfahrung und Gesundheitshandeln

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13. Arbeitstreffen des "Netzwerk Gesundheit und Kultur in der volkskundlichen Forschung"
"Medikale Zeiten": Zur zeitlichen Dimension von Krankheitserfahrung und Gesundheitshandeln

 

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Nachdem die Arbeitstagung des Netzwerks Gesundheit und Kultur in der volkskundlichen Forschung im vergangenen Jahr „medikale Räume“ ausgelotet hat, soll die kommende Tagung die Dimension „Zeit“ in den Mittelpunkt stellen.
Zeit gehört neben Raum zu den zentralen Determinanten von Kultur, wobei das Verhältnis interdependent ist. Kultur findet in zeitlichen Prozessen statt, verändert sich in der Zeit; Zeit wird kulturell definiert und gestaltet. Im Kontext der Medikalkultur lässt sich die Dimension Zeit vielfältig betrachten: Prozesse von Tradition und Wandel zeigen sich in kulturellen Praxen des Umgangs mit bestimmten Krankheiten sowohl der medizinischen Expertinnen und Experten als auch der von Krankheit Betroffenen. Vorstellungen und Konzepte von Körper, Gesundheit und Krankheit unterliegen zeitlichen Veränderungen und werden in unterschiedlichen sozialen, rituellen und habituellen Formen repräsentiert. Der Körper des Menschen unterliegt in seiner Lebenszeit Veränderungen, die jeweils unterschiedlich bewertet und behandelt werden. Auch Zustände von Krankheit und Gesundheit lassen sich unter dem Aspekt der Zeit betrachten: Besonders interessant erscheinen hier die Übergänge: Die Zeit der Unsicherheit vor der Diagnose, Therapiezeiten, Rekonvaleszenz und die Rückkehr in den „gesunden“ Alltag. Mit dem Begriff des Alltags eröffnet sich ein weiteres Feld, medikalkulturelle Aspekte mit der Frage des Temporären zu erschließen: Welche Zeiten sind reserviert für den Körper, wie nehmen Akteure und Akteurinnen Zeiten von Krankheit wahr und gestalten diese, was für eine Bedeutung hat ein Zeitplan beispielsweise für die Alltagsgestaltung von Menschen mit chronischen Erkrankungen? Auch traditionell volkskundliche Aspekte des Umgangs mit bestimmten Lebensphasen bieten sich der Untersuchung an: Schwangerschaft und Sterben als besondere Zeiten des Übergangs ebenso wie des Prekären und der Krise.
Schon die kurz angerissenen Fragen zeigen deutlich das heuristische Potential, welches eine Fokussierung auf die Dimension Zeit im Kontext medikaler Kulturen bietet. Zur ersten Strukturierung des breiten Themenspektrums bieten sich folgende Blickwinkel an:

I: Krankheitsverhältnisse im Zeitvergleich

Ein vergleichender Blick auf Wandlungsprozesse der Krankheitswahrnehmung und des Umgangs mit Krankheiten verweist auf historische und gegenwärtige Wissensbestände und deren Vermittlung, Tradierung und Institutionalisierung ebenso wie auf alltägliche Lebenspraxen, die mit Aspekten von Krankheit und Gesundheit in interdependenten Beziehungen stehen. Diese ließen sich beispielsweise am historischen Wandel des Todesursachenspektrums nachzeichnen: von der Dominanz der Infektionskrankheiten zur Dominanz der degenerativen Erkrankungen. Auch die Geschichte der Krankheitswahrnehmung im öffentlichen Diskurs ließe sich anhand „skandalisierter“ Krankheiten (z.B. Pest, Cholera, Tuberkulose) und „alltäglicher“ Krankheiten“ (z.B. Masern, Scharlach, Schnupfen) bis in die Gegenwart im Kontext von Seuchen im Zeitalter der Medialisierung (HIV/AIDS, SARS, Schweinegrippe) diskutieren.

II: Altersspezifische Krankheitsbilder

Der Körper eines Menschen verändert sich im Laufe der Lebenszeit. Die Bewertungen der Lebensalter oder einzelner Lebensphasen reichen bis zur Medikalisierung oder gar Pathologisierung: Alter oder Schwangerschaft als Krankheit, der Umgang mit weiblichem wie männlichem Klimakterium, die Institutionalisierung spezieller medizinischer Expertinnen und Experten in Pädiatrie, Geriatrie/Gerontologie etc. Diese wiederum schreiben aufgrund der von ihnen erlangten Deutungsmacht den jeweiligen Lebensaltern spezifische Krankheitsbilder zu: von den Kinderkrankheiten bis zur Altersdemenz.

III: Medikale Praktiken und Therapien im Zeitvergleich

Zu den schon fast „traditionellen“ Themen einer kulturwissenschaftlichen Herangehensweise an medikale Phänomene gehört die Geschichte medizinischer Institutionen, wie die „Geburt der Klinik“, die Professionalisierung von Krankheitsberufen, die Erforschung „vergessener“ Diagnoseverfahren und Heilpraktiken (z.B. Harnschau, Aderlass oder Heliotherapie) sowie die Frage nach kulturellen Bedeutungen zeitgenössischer Tendenzen wie Wellness-Boom und Heilkraft der Esoterik. Auch die aktuellen Debatten um „mündige Patienten“ nach der „Nemesis der Medizin“ schließen hier an.

IV: Körper-Zeit/Medikal-Zeit

Welche Zeitphasen oder Zeitfenster sind im Alltagsleben für die Sorge um und für die Pflege des Körpers reserviert, wie wird diese Zeit gestaltet und empfunden? Hier ließen sich subjektive Körperpraxen und –rituale im Kontext von Krankheit, Gesundheit und „Wellness“ auf die Kategorie Zeit hin befragen, wobei gender-, alters- und kulturspezifische Praxen und Bewertungen beachtenswert wären. Auch ganz subjektive Konzepte wie