Tagungsbericht "Geschlecht und Ökonomie"

 

10. Arbeitstagung der Komminsion Frauen- und Geschlechterforschung der dgv zum Thema "Geschlecht und Ökonomie"

Ort: Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie, Göttingen
Georg-August-Universität Göttingen
Friedländer Weg 2, 37085 Göttingen
Datum: 26.-27. November, 2004


Tagungsbericht von Lukasz Nieradzik, Göttingen

Die 10. Arbeitstagung der Kommission Frauen- und Geschlechterforschung der DGV begann mit einer Podiumsdiskussion zum Thema "Ökonomie der Geschlechterforschung", in der es zum einen um den Stellenwert und die ökonomische Situation der Geschlechterforschung innerhalb der Universitäten ging, zum anderen generell über die Bedeutung der Geschlechterforschung diskutiert wurde.

Nach der Begrüßung durch Tatjana Eggeling (Göttingen) stellte Paula Lorgelly (Norwich/Göttingen) die Problematik geschlechtsspezifischer Ungleichheiten auf dem Gebiet der Gesundheitsökonomie aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht vor. Daraufhin erläuterte Michaela Fenske (Göttingen) jene Programme der Forschungsabteilung der Universität Göttingen, die speziell zur Frauenförderung initiiert wurden, besonders auf Programme der DFG und stellte die Bedeutung der Geschlechterforschung innerhalb von Forschungsprojekten zur Diskussion. Hierbei machte Fenske auf die mit zunehmender Qualifikationsstufe wachsende Lücke zwischen Frauen und Männern aufmerksam. Doris Lemmermöhle (Göttingen) sprach über die Geschlechterforschung in den Erziehungswissenschaften und ergänzte den von Fenske genannten Aspekt mit einem historischen Beispiel, das für charakteristisches Frauenbild stünde, bezweckte z.B. in Rousseaus Emilé die Erziehung von Sophie, aus dem Mädchen einen Untertan des Mannes zu machen, dessen Aufgabe es war, diesen zu unterstützen. Anschließend zeigte Karin Klenke (Göttingen) die Bedeutung der Geschlechterforschung im Fach Ethnologie, schwärmte von den beiden Galionsfiguren des Faches Geschlechterforschung, Margeret Mead und Ruth Benedict und verwies darauf, dass international sich "viele" Männer mit Geschlechterforschung, seien es in diesem Zusammenhang Homosexualität oder männliche Körperideale, beschäftigten. Frauen, betonte Klenke inbrünstig, seien wegen der Möglichkeit einer Schwangerschaft in einem solchen Fall nicht nur biologisch wie finanziell dem Mann gegenüber benachteiligt, sondern zudem gäbe es auch Probleme, Frauen in Projekte einzustellen, eine Teilzeitstelle zu finden und/oder eine Betreuung für das Kind zu finden. Lemmermöhle schlug daraufhin eine "Schwangerenversicherung" vor, der nach alle Projekte in einen Topf zahlten und dadurch bei Schwangerschaft ein Ersatz der Arbeitkraft gestellt werden könnte. Ferner wurde die Frage gestellt, ob sich Geschlechterforschung auch als eigenständiges Fach behaupten oder in ein bestehendes integriert werden sollte? Und bedeutete Institutionalisierung zugleich nicht eine Marginalisierung? Überhaupt gelte es die Rückbesinnung auf das "ursprüngliche" Curriculum, in dem Geschlechterforschung nicht vorgesehen war, diesen "disziplinären Konservatismus" (Lemmermöhle), aufzubrechen. Für das Jahr 2006 sei darüber hinaus in Niedersachsen eine internationale Geschlechterforschungs-Konferenz geplant, bei der sich die einzelnen Einrichtungen des Landes präsentieren werden. Abschließend gab Helga Hauenschild, Leiterin der Koordinationsstelle Geschlechterforschung der Universität Göttingen, einen Einblick in die Arbeit der Geschlechterforschung.

Mit ihrem Vortrag "So kann man ja nur mit einer Frau umgehen! Fürsorgestaat, Geschlecht und Ökonomie im 20. Jahrhundert: eine Fallstudie aus Oberschwaben" eröffnete Elisabeth Timm (Tübingen) den zweiten Tag der Tagung. Anhand der Biographie der Unternehmerin Aloisa Kinzelmann (geb. Kugler) zeigte Timm Überlegungen zur subjektiven und individualisierten Relevanz von Geschlecht in ökonomischen Alltagszusammenhängen sowie zu den alltäglichen Wahrnehmungsformen und Wirkungsweisen des Wohlfahrtsstaates im 20. Jh. Von Interesse war hierbei die Analyse der Geschlechter- und Klassendynamik am Beispiel von Aloisia Kugler/Kinzelmann sowie als Schwerpunkt der Untersuchung, die von ihr "eingesetzten Ressourcen" (Timm). Aloisa Kugler, Jahrgang 1899, führte das Leben einer Bürgertochter auf dem Lande mit aufwändiger, saisonal und mit den Moden wechselnder Garderobe. Dies allerdings änderte sich mit dem Niedergang der elterlichen Ziegelei bereits vor dem Ersten Weltkrieg. Kugler verarmte in der Weimarer Zeit und erlitt einen sozialen Abstieg. Auch ihre Heirat 1931 mit dem Schindelmacher Carl Kinzelmann brachte keine Konsolidierung ihrer Lebensverhältnisse, so dass sie 1935 Schulden in Höhe von 30000 RM vorzuweisen hatte. In der von Elisabeth Timm präsentierten Biographie sei die Erfahrung des Abstiegs relevant für die subjektive und individualisierte Relevanz von Geschlecht. Aloisia Kinzelmann thematisierte ihr Geschlecht und ihre damit verbundene Stellung in der bürgerlichen Eigentumsordnung selbst massiv wie auch strategisch und focht ohne Rückhalt oder Resonanzboden für das Thema Geschlecht alleine und individualisiert. Mit dem Tod ihres Mannes verlor sie zudem ihren Platz in der Gesellschaft. Aber eine Solidarisierung mit anderen Frauen blieb in dieser Situation aus; auch Freundschaften pflegte sie nach Ende der Schulzeit nicht weiter. Die Alleinerziehende ergatterte eine Anstellung in einer Fabrik, reaktivierte verwandtschaftliche Netzwerke (ihre verwandtschaftlichen Beziehungen beschränkten sich auf die Schwiegerverwandtschaft), von denen sie sich emotionale wie materielle Unterstützung erhoffte und ergänzte den schmalen Lohn zudem durch staatliche Unterstützung seitens der Fürsorgebehörde, mit der sie oft korrespondierte, um Hilfe für ihren Sohn zu erhalten. Ihre Einkünfte bezog sie aus unmittelbar am Bahnhof gelegenen Vermietungen und Verpachtungen. Die Pfändung des Besitzes nach Ende des Zweiten Weltkriegs empfand sie als Schändung des symbolischen Kapitals: "So kann man ja nur mit einer Frau umgehen!", d.h. ökonomische Interessen, die für einen Mann als "natürlich" gegolten hätten, waren bei der verwitweten Aloisia Kinzelmann keineswegs selbstverständlich. 1948 erhielt sie ihren Grund und Boden zurück und verpachtete weiter. Die Vermietung eines Kühlhauses sorgte für finanziellen Aufschwung und bereitete ihren Aufstieg zur Unternehmerin. Während die verwandtschaftlichen wie auch privaten Beziehungen nach 1945 abbrachen - die Schwiegerverwandtschaft rückte im Gegensatz zur mütterlichen in den Hintergrund; eine berufsständische Solidarisierung ist ebenfalls nicht erkennbar - , setzte sich die öffentliche Unterstützung fort. Wie nahm Aloisia Kinzelmann die Transfers auf? Stets betonte sie im Rückblick auf ihr Leben, dass ihr nie jemand geholfen habe. Sie klammerte jede Wohlfahrtsunterstützung in der Retrospektive aus. Trotz der jahrelang bezogenen staatlichen Fürsorgeleistungen und den dadurch erhaltenen Grundbesitz gilt für Aloisia Kinzelmann subjektiv der bekannte Schöpfungsmythos der ursprünglichen Akkumulation im Kapitalismus, mit nichts angefangen zu haben. Wie bei Bourdieus neoliberalem Rückzug des Staates ist Elisabeth Timms Untersuchung ein Beispiel für die retrospektive Entstaatlichung der ökonomischen Biographie. Letztendlich warf der Vortrag die Frage auf, ob der Fall durch Geschlechter- oder Klassenperspektive gekennzeichnet sei. In der darauffolgenden Diskussion betonte Timm die Selbstverständlichkeit der Inanspruchnahme von staatlicher Fürsorge seitens Kinzelmanns. So forderte sie Unterstützung trotz geerbten privaten Besitzes.

Der Frage, vor welcher Situation Unternehmerinnen mit Migrationserfahrung stünden, widmete sich im Anschluss Raphaela Hettlage (Zürich). Zur "ethnischen Ökonomie" gäbe es nur wenige Studien, die sich explizit mit dem Gender-Aspekt des ethnischen Gewerbes beschäftigten. Hettlage befasste sich in ihrem Vortrag "Von Gastarbeiterinnen zu Unternehmerinnen" aus dem Forschungsprojekt "Der Weg zur Integration? - Die Rolle der selbständig erwerbstätigen MigrantInnen in der Schweiz", einem Teilprojekt des Programms 51 "Integration und Ausschluss" des Schweizerischen Nationalfonds, mit der Rolle selbständig erwerbstätiger Frauen mit Migrationshintergrund in der Alpenrepublik. Gefragt wurde nach dem Zusammenhang zwischen Geschlechterrollen und Existenzgründungen sowie der Rolle und den Folgen von Selbständigkeit für Migrantinnen in der Schweiz. Beruflich selbständige Frauen leiteten hier zumeist kleine Unternehmen mit geringem Umsatz und seien mit ähnlichen Schwierigkeiten konfrontiert wie die einheimischen Unternehmerinnen: Die Rahmenbedingungen, geringe Qualifikation, beschränkter Zugang zu Krediten, weder Kapital noch Berufserfahrung erschwerten die Existenzgründung, denn die "Einzelkämpferinnen" (Hettlage) verfügten weder über ökonomisches noch soziales Kapital, so dass deshalb Privatkredite von Partnern oder Verwandten vorgezogen würden. Diese Benachteiligung sei zudem eng an die gesellschaftliche Position der Frauen geknüpft. Denn durch die von ihnen trotz Berufstätigkeit weiterhin übernommenen Haushalt- und Familienpflichten bedeuteten eine doppelte Belastung. Welche sind die Motive für die Selbständigkeit? Zum einen sei es der Wunsch nach Unabhängigkeit von den betrieblich unflexiblen Bedingungen, zum anderen wird Selbständigkeit als Lösung zwischen Familie und Beruf gesehen. Die Vorstellung von Autonomie schließe bei Frauen im Gegensatz zu Männern, so Hettlage, Kind und Familie ein. Auf Grund dieser doppelten Vergesellschaftung erlebten Frauen auf dem Weg zur sowie in der Selbständigkeit auch die weibliche Diskriminierung doppelt; Frauen mit Migrationserfahrung zudem, in Anbetracht von Geschlecht, Ökonomie und Ethnie, eine dreifache. Gemäß den Zahlen der Erwerbsstatistik ist der Anteil der selbständigen Migrantinnen steigend. Migrantinnen treten demnach, wenn auch noch in geringer Anzahl, vermehrt als Unternehmerinnen auf. Folglich stellt sich die Frage, ob sich die Unternehmerinnen aus Berufswunsch oder Ausweglosigkeit für die Selbständigkeit entscheiden. Generell arbeiteten Migrantinnen im Gegensatz zu Männern mit Migrationserfahrung in befristeten, unregelmäßigen und rechtlich nur schwach geschützten Arbeitsverhältnissen. Daher könne angenommen werden, dass der Einstieg in die Unternehmensbranche dazu dient, jenen Randbelegschaften zu entfliehen. Ferner könne die Selbständigkeit von Migrantinnen auch Hinweis sein auf ihre Integration in der Gesellschaft, auf Wünsche nach beruflichem und sozialem Erfolg, die sich in einer Existenzgründung manifestieren. Letztendlich kommt Hettlage zu dem Schluss, dass der Akt der Migration auf Frauen einen stärkenden Einfluss ausübe, stärke er ja einerseits ihr Selbstbewusstsein und fördere andererseits ihre ökonomische Unabhängigkeit. Daher gäbe es zumindest Überschneidungen im selbständigen Unternehmertum und in der Migrationsentscheidung.

Im Anschluss daran beschäftigte sich Christiane Hellermann (Berlin/Malta) in ihrem Vortrag "Brotverdienen für die Familie zu Hause: osteuropäische Migrantinnen in Portugal" mit der Lebensrealität und den Erfahrungen osteuropäischer, überwiegend aus Russland, der Ukraine, Moldawien, Rumänien und Bulgarien kommenden Migrantinnen in Portugal. Hellermann konzentrierte sich hierbei auf Frauen, die alleine migrierten und ging der Frage nach, inwiefern sich in der Perspektive dieser Frauen ihre Rolle und Stellung in der Familie durch ihre Migration sowie die Tatsache, dass sie die Ernährerrinnen ihrer Familien sind, geändert hat. Darüber hinaus seien verschiedene Typen des Brotverdienens von Migrantinnen zu unterscheiden. Zum ersten Typus, den Ernährerinnen, zählen Frauen, die alleinerziehend oder deren Kinder noch in der Ausbildung sind und welche die Unterhaltung von ihren Eltern oder Geschwistern beziehen. Zum zweiten Typus werden alldiejenigen Frauen gerechnet, deren eigene Familien nicht grundsätzlich auf Finanzen der Eltern angewiesen sind. Die erhaltenen Finanzen der Eltern, wie auch ihr eigenes Geld, werden als ein Zuschuss zum vom Vater der Kinder erwirtschaftetem Grundeinkommen, das den Bedarf der Ausbildung der Kinder deckt, gerechnet. Zum dritten Typus zählen Frauen ohne eigene Kinder, die Geld an die Familie, bspw. an die Kinder der Schwester, in die Heimat schicken. Hierbei entstünden starke, rein weibliche Netzwerke mit gegenseitiger Unterstützung. Zum vierten Typus, den sog. koernährenden Migrantinnen, zählen Frauen ohne eigene Kinder, die Familien finanziell unterstützen, welche allerdings primär nicht auf diese Finanzierungsgrundlage angewiesen sind. Vor diesem Hintergrund seien Familieneinkommensstrategien für Migrantinnen, die überwiegend eine hohe Qualifikation besitzen, von großer Bedeutung.

Im darauffolgenden Vortrag "Existenzgründerinnen (Emprendedoras) - Unternehmerinnen des Wandels in der europäischen Peripherie" ging Ann-Kathrin Zöckler (Berlin) der Frage nach, wie verschiedene Generationen andalusischer Frauen mit den neuen Möglichkeiten, Bedeutungen und Zumutungen von Erwerbsarbeit umgehen, warum und wie sie sich zu Unternehmerinnen "machen". Auf der Basis von Teilnehmender Beobachtung und Gesprächen zeichnete Zöckler nach, dass die Motivation zur selbständigen Erwerbsarbeit und die dabei eingesetzten Ressourcen ökonomisches, kulturelles, soziales Kapital zwar je nach Alter variierten, jedoch Ansätze einer kollektiven Identität erkennbar seien. So grenzten sich die Emprendedoras von den patriarchalischen und rückständigen Aspekten der andalusischen Arbeits- und Alltagskultur ab und machten sich auf sehr kreative Art und Weise zu Trägerinnen des gesellschaftlichen Wandels. Verfolgt werde hierbei eine "Strategie der kleinen Schritte" (Zöckler). Der Mangel an ökonomischem Kapital könne dabei durch kulturelles und soziales stets nach dem Motto "Stück für Stück" ersetzt werden. Eine ambivalente Situation komme dabei zum Vorschein: grenzten sich die Frauen einerseits durch die Beschwörung, durch harte Arbeit ihren Status erworben zu haben, ab, ohne dabei in den Genus patriarchalischer Zuschüsse gekommen zu sein, seien sie andererseits strukturell benachteiligt. In ihrem "alltäglichen Kampf" (Zöckler) komme die Phase der Gründung und Etablierung einem Balanceakt gleich. Zudem aber bildeten die andalusischen Unternehmerinnen die "Avantgarde des gesellschaftlichen Wandels" (Zöckler), da fortan nicht mehr der Staat, sondern Frauen als Verantwortliche für die Fürsorge fungierten. Darüber hinaus lösten sie auf Grund des hohen Anspruchs an sich selbst die Grenze zwischen Beruf und Privatleben auf. Die andalusischen Unternehmerinnen gestalteten ein neues Feld in Andalusien, seien jedoch durch fehlende soziale Akzeptanz wie auch finanziellen Mangel benachteiligt.
In Portugal hingegen diente ein soziales Netzwerk, dessen Wegbereiter in den 1980er Jahren Männer waren und das durch den "selbstlosen Einsatz von Migrantinnen" fortlebe, Migrantinnen als Stützpunkt, der sich als willkommener erster Schritt und Orientierungsort erwiesen habe. Kennzeichnend für die Situation von selbständigen Migrantinnen in Portugal sei der Mangel an sozialer Akzeptanz sowie die Entgrenzung von Arbeit und Leben, ein mittelständisches Phänomen, das jedoch nicht allzusehr geschlechtsspezifisch sei, sondern auch auf Männer zutreffe. Das Problem der Typologisierung des Begriffs der Selbständigkeit sei deren Vereinfachung, zugleich aber ein damit verbundener Erkenntnisgewinn.

Anschließend folgte der Vortrag "Lass uns (nicht) von Geld reden - Über Gefahren, Gerechtigkeit und Glück im monetarisierten Alltag" von Gisela Unterweger (Zürich) zum Thema geschlechtsspezifischen Umgangs mit Geld. Unterweger versuchte die gesellschaftlichen Brennpunkte Geld - Macht - Beziehung/Familie - Arbeit - Gerechtigkeit in ein Verhältnis zu setzen und präsentierte die vorläufigen Ergebnisse aus dem empirischen Teil ihrer Dissertation. Grundlage für ihre Untersuchung sind Interviews mit 15 Frauen und Männern aus der schweizerischen Mittelschicht. Der Schwerpunkt wurde dabei darauf gelegt, wie Männer und Frauen, geprägt von Milieu und Biographie, sich im monetären System eingerichtet und welche Einschätzungs- und Legitimationsmuster sie dazu entwickelt haben. Laut psychologischen und soziologischen Untersuchungen unterschieden sich Männer und Frauen in Fragen des alltäglichen Umgangs mit Geld kaum voneinander, wohl aber in den Gefühlen zu Finanzen, Einkäufen und Ausgaben. Während Männer sich von größeren Einkommen angezogen fühlten, würden demgegenüber Frauen davon abgestoßen. Hervorzuheben sei, dass der Bezug von Frauen und Geld an die gesellschaftliche Trennung in auf der einen Seite eine öffentliche und auf der anderen eine private Sphäre gekennzeichnet sei. Grund hierfür sei der durch Medien verbreitete stereotypische Charakter der Frau, der im Widerspruch zu dem des Geldes stehe. Denn zwar veränderte das Geld die Frau, die Frau jedoch nicht das Geld. Wegen dieser "gefährlichen Wirkung des Geldes auf die Frau" (Unterweger) verfügten Frauen in der Regel im Gegensatz zu Männern über kleine finanzielle Summen. Mittels Ratgeber, die zumeist von Männerhand geschrieben sind, werde allerdings der Frau durch diese Erfolgsinszenierungen geholfen, jenes gespaltene Verhältnis zu überbrücken. Ferner betonte Unterweger die bei Frauen fehlende Grenzziehung zwischen privatem und beruflichem Raum. Schließlich sei doch die Frau in die Arbeitssphäre eingedrungen, ohne die private zu verlieren. Die ambivalente Einstellung der Frau zum Geld verdeutlichte Unterweger am Beispiel eines Interviews. Sie zeigte, dass bei der Befragten ein offensiver Umgang mit Geld, allerdings nicht der einer Karrieristin und zudem auch ein intensiver (Investitionen) vorhanden war. Unterweger machte darauf aufmerksam, dass viel Geld viel Arbeit erfordere, aber Autonomie und Wertschätzung mit sich bringe und zudem ermögliche, sich frühzeitig zur Ruhe setzen zu können. Das Beispiel zeige, dass Geld lediglich Mittel zum Zweck sei: Die Akkumulation von Geld diene der Anerkennung, dem Prestige und der Stellung in der Gesellschaft. Frauen identifizierten sich demnach mit solchen erfolgbringenden Idealen.

Anschließend ging Agnieszka Zimowska (Göttingen) in ihrem Vortrag "Ge-handelt: Zu den Machtverhältnissen in der ost-westeuropäischen sexuellen Ökonomie im Kontext feminisierter Migration" auf das in der EU öffentlich skandalisierte Phänomen des sog. Frauenhandels zwischen Westeuropa sowie den ost- und mitteleuropäischen Mitglieds- und Nachbarstaaten ein. Die Ausweitung dieses Phänomens hänge mit der Verbindung von Migration und kapitalistischer Wirtschaftsweise zusammen, die komplexe geschlechtlich und ethnisch stratifizierte Arbeitsmärkte als Nischenökonomien entstehen, das Glücksversprechen des Kapitalismus für Migrantinnen verheißen und zugleich Ungleichheit, Entrechtung und Stigmatisierung schaffen wie auch reproduzieren lasse. Frauenhandel sei unmittelbar mit diesen Nischenökonomien verknüpft. Die Prostituierten seien gut qualifiziert, auch hatten sie zudem noch Kinder. Allerdings gäbe es "Sexarbeiterinnen" (Zimowska) auch mit anderem Hintergrund. Aufgeworfen wurde die Frage, warum der Frauenhandel trotz Gegenmaßnahmen floriere. Zum einen sei eine Dichotomie zwischen Zwang und freier Entscheidung vorhanden, die zur Stereotypisierung und/oder Viktimisierung führen, zum anderen bestimme die geschlechtliche und ethnische Differenz die Nachfrage des Frauenhandels.
Maßnahmen dieser Problematik mit restriktiven Einreise- und Arbeitsbedingungen für osteuropäische Migrantinnen beizukommen, verschleierten mehrere Funktionen, die der transnationale Frauenhandel als eine Form der sexuellen Ökonomie beinhaltete. So sei z.B. in den "Transformationsgesellschaften Osteuropas" (Zimowska) eine Feminisierung der Migration zu beobachten. Diese treffe auf restriktive Existenzbedingungen und Einreisebestimmungen in Ziel- und Transitländern der EU und zwinge Migrantinnen, auf informelle Netzwerke zurückzugreifen. Die Strukturen des Frauenhandels seien demnach als Migrationschancen zu verstehen. Ferner helfe nach Zimowska nicht die Trennung zwischen erzwungenem Frondienst und freiwilligem Entschluss der Betroffenen zur Sexarbeit, denn die Situation von Frauen sei in den Machtverhältnissen des Frauenhandels nie vollkommen machtlos. Der Frauenhandel fungiere insofern trotz der Gewaltverhältnisse als eine Existenzoption im Dienstleistungsbereich in Ziel- und Transitgesellschaften im Kontext prekärer Arbeitsverhältnisse. Agnieszka Zimowska schloss ihren Vortrag mit einigen Rückfragen an den gängigen Viktimisierungsdiskurs: seien die Machtverhältnisse nicht vielmehr Produkte einer bestehenden und veränderbaren Nachfrage nach Verkörperungen konstruierter Differenz sowie ihrer Hierarchisierung in europäischen Gesellschaften und bedürfe es nicht parallel zu Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen in den Anwerbegesellschaften eher der gesellschaftlichen Anerkennung von Sexarbeit als eine von vielen Typen der Versorgungsarbeit? Denn könnten nicht so Berufsidentitäten ermöglicht werden, die den Frauen, die jetzt auf den Frauenhandel zurückgreifen, eine Strategie der Selbstrepräsentation eröffnen, die sie womöglich vor Gewaltverhältnissen schützt? Letztendlich könne die Bandbreite der Sexarbeitform als Fürsorgearbeit als ein feinmaschiges Netz aus Machtstrukturen und Anforderungen an die darin tätigen Subjekte verstanden werden. Vor diesem Hintergrund erscheine die Analyse der Frauenhandelsstrukturen als Schnittpunkt von Migration, Arbeit und Gender vielversprechender als eine reine Viktimisierungs- und Kriminalisierungsperspektive.

Beendet wurde die 10. Arbeitstagung der Kommission Frauen- und Geschlechterforschung der DGV mit dem Vortrag "Ökonomisierung der Hausarbeit. Transnationale Migration und neue Arbeitsteilung zwischen Frauen" von Sabine Hess (Frankfurt/M.). Ausgehend von einer zweijährigen begleitenden Forschung über slowakische Frauen, die als Au Pairs nach Deutschland gingen und als domestic workers arbeiteten, versuchte Hess den Fallstricken und Schwierigkeiten dieses Berufsfelds nachzuspüren. Als unhaltbar zeigte sich hierbei die Gleichung Arbeit aus Liebe minus Liebe gleich normale Lohnarbeit. Die Medien vermittelten oftmals das Bild von Au Pair als eine Art migrantische Hausarbeit oder Form des Kulturaustauschs. Doch wie positiv hier dieses Austauschprogramm auch konnotiert sein mag, eine differenziertere Darstellung der Situation von Au Pairs sei notwendig. Für "live-in"-Hausarbeiterinnen werde in dieser Hinsicht vor allem das Ineinanderfallen von Arbeits- und Lebensort zum besonderen Problem. Die geringe Regulation von Au Pair wie insgesamt des neuen Arbeitssektors personenbezogener Dienstleistungen setze dabei der Inanspruchnahme der Hausarbeitskraft keine Grenzen. Die mangelnde Zeitautonomie bspw. würde von vielen Au Pairs als ausbeutend empfunden. Arbeiten, die vorher nicht gemacht wurden, sollten fortan von den großen Schwestern getan werden. Die Versorgungslast würde so auf die Au Pairs verschoben. Zudem seien die Frauen über ihre ihnen als Au Pairs zu Verfügung stehenden Rechte wie Verordnungen weitgehend uninformiert. Sind z.B. maximal fünf Stunden Arbeit pro Tag, zwei Abendtermine, freie Wochenenden sowie 30 Stunden die Woche legitim und vorgeschrieben, doch nicht wenige hätten ein weitaus höheres Pensum zu erfüllen. Um der Ausbeutung und der damit verbundenen Kontrolle wie Bevormundung seitens der Gastfamilie zu entgehen, böte ein sich ausbreitender Kontakt zu anderen Au Pairs und die zu beobachtende Bildung von Netzwerken eine Möglichkeit, Kritik zu üben, da interne Unmutsäußerungen auf Grund der Abhängigkeit der Au Pairs von der Atmosphäre innerhalb der Familie nicht möglich seien. Eine weitere Plattform für Kritik und Klagen böten zudem die Agenturen selbst. Nichtsdestotrotz, resümiert Hess, sei das Au Pairs-Programm ein "Schlupfloch für Handel". Frauen würden als Anhängsel bezüglich von Migration dargestellt, als "gehandelte Frauen", "Flüchtlinge" usw., was jedoch einer biographischen Migration nicht gerecht werde.

Die 10. Arbeitstagung der Kommission Frauen- und Geschlechterforschung der DGV war für alle Beteiligten und Anwesenden, nicht zuletzt wegen der nicht zu vergessenden glänzenden Organisation, die einen reibungslosen Ablauf ohne Verzögerung garantierte, ein Erfolg. Neben den Vorträgen, die z.T. sehr lebhafte Diskussionen nach sich zogen, ohne das harmonische Miteinander zu stören, schwappten die Gespräche auch aus dem Seminarraum in die Kaffeepausen und würzten die kalte Platte mit interessanten Unterhaltungen, so dass alle zufrieden sich mit einem bis demnächst verabschiedeten.

 


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Letzte Änderung: Sunday, 27-Feb-2005 11:32:24 MET  

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