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Arbeitsbericht 2004

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Tätigkeitsbericht der Kommission für Arbeitskulturen 2004

Die Geburt der Neoliberalismusanalyse aus dem Geiste der Arbeiterkulturforschung? Oder: Wie eine Kommissionsdiskussion nicht abreißt

Schließt sich derzeit der Kreis? Knüpft die Kommission Arbeitskulturen in der Volkskunde, nicht unbedingt bewusst, derzeit wieder an Interessen an, aus denen sie vor fast 25 Jahren entstand? Blickt man gegenwärtig auf die Themen der letzten Kommissionstagung in Bonn sowie der für 2005 geplanten Veranstaltung in Passau, scheint diese Vermutung in Teilen durchaus zuzutreffen.

Auf dem Volkskundekongress 1979 in Kiel fanden sich Kollegen zur Gründung des Arbeitskreises "Arbeiterkultur" zusammen. Aus der ersten eigenen Tagung der Kommission ein Jahr später in Wien erwuchs die Veröffentlichung "Die andere Kultur. Volkskunde, Sozialwissenschaften und Arbeiterkultur". Viele Jahre waren Publikationen und Diskussionen geprägt vom Interesse an Protest und Gegenkultur, vom Drang, sich via historischer Arbeitswelt über Genese und damit im Grunde auch über aktuelle Ausprägungen des Kapitalismus zu verständigen - eine Basis dafür, auch andere Wege der Ökonomie jenseits des westeuropäischen Musters zu denken. Wer mag da den Hauch Exotisierung verdenken, der die Volkskunde auch auf anderen Gebieten durchaus beflügelt hat.

Ist die Kommission also heute eine Art Dinosaurier, der sich längst überlebt hat? Wohl eher im Gegenteil. Von Exotik bleibt gezwungenermaßen nichts mehr übrig in einer Gegenwart, in der nicht nur Freelancer in der langsam in die Jahre kommenden New Economy mit Kurz- und Kürzestverträgen zu kämpfen haben, sondern auch Universitätsangestellte. Vor diesem Hintergrund gerät den einen die Verständigung über Chancen von Kulturwissenschaftlern in Unternehmensberatung und projektbegleitender Forschung zur Existenzfrage. Anderen erscheint sie zumindest als dikussionswürdige Ergänzung der Kommissionsarbeit.

Die Frage nach Ethik und Praktikabilität anwendungsbezogener Wissensproduktion trieb demnach das Plenum bereits auf der Münchner Kommissionsveranstaltung 1998 und auch auf der Bonner Tagung 2002 um. Europäische Ethnologen problematisierten ihre Doppelrolle als Beobachter und Berater, die der Ethnografie verpflichtet sind, aber gleichzeitig auf Profitmaximierung hin geprüft werden. Kollegen aus Disziplinen wie der soziologisch orientierten Informatik präsentierten ergänzend ihre z.T. langjährigen Erfahrungen in der unterstützenden Aktionsforschung skandinavischer Prägung. Klar wurde, dass selbst diese nun auf dem Prüfstand steht zu einem Zeitpunkt, in dem Firmen immer seltener stabile Abteilungen besitzen und Interessenlagen der Mitarbeiter nur noch schwer zu eruieren und damit zu unterstützen sind. Auf der Tagung der Kommission in Berlin 2001 war der Themenkomplex mit "Das Innenleben der Organisation. Ethnografisches Wissen in der Organisationsberatung" gar titelgebend.

Zudem bringt der Schock einer zunehmend neoliberal orientierten Politik auch in Deutschland gegenwärtig die Frage nach Protestpraxen zurück, die in der Kommission Arbeitskulturen, anfangs noch "Kommission für Arbeiterkultur", gerade in den Gründungsjahren besonders virulent war. Wie gehen Angestellte damit um, dass ihr Verdienst immer weniger anhand von Arbeitszeit, dafür immer mehr über Kennziffern und Leistungsvereinbarungen berechnet wird? Wie reagieren sie darauf, dass sich Arbeitsorganisation und -ausführung immer mehr in den Privatbereich hinein erstrecken, sei es aufgrund von Telarbeit oder weil Freiberufler ihren Wohnbereich mit Bürofunktionen kombinieren? Wie gehen sie schließlich mit jener "doppelten Subjektivierung" (vgl. u.a. Voswinkel) um, in deren Folge die Berufstätigen selbst zunehmend Selbstverwirklichung und "Spass" im Sinne von interessanten Herausforderungen erwarten; ihnen gleichzeitig jedoch auch von Unternehmerseite bisher aufs Private beschränkte Fähigkeiten und Fertigkeiten wie die zur Netzwerkbildung oder soziale Kompetenz abverlangt werden?

Wie intensiv durch diese aktuellen Problemlagen auf einmal wieder der Kontakt zu Akteuren wie den Gewerkschaften werden kann, die um Unterstützungsmöglichkeiten für diejenigen ringen, die in den Boomzeiten vor der Jahrtausendewende oft gar nicht unterstützt werden wollten, wird an den Tagungen der Nachbardisziplinen Arbeits- und Industriesoziologie noch sichtbarer als in der Europäischen Ethnologie. Diese Akteure noch mehr miteinzubeziehen dürfte aber auch eine Aufgabe für die Kommission Arbeitskulturen sein, die aufgerufen ist, von neuem Gedankenexperimente zu starten, von denen sie sich in der Nach-Wende-Krise in der ersten Hälfte der 1990er Jahre enttäuscht abgewendet hatte (vgl. auch Warneken in Brednich 2001). Groß, vielleicht zu groß war die Enttäuschung einer im Nachhinein, sicherlich überzogen, als "Linksvolkskunde" bezeichneten Forschungsrichtung über das Scheitern von Versuchen sozialistischer Prägung, Ökonomie anders zu denken. Den Mut nicht sinken lassen wollten diejenigen, die auf der Münchner Tagung von 1998 für eine Umbenennung der Kommission Arbeiterkultur in "Kommission für Arbeitskulturen" votierten. Damit sollte eine neue Ausrichtung auch im Namen kenntlich gemacht werden, ohne dabei die bereits existierenden Forschungsstränge zu durchtrennen. Aus dieser Zeit rühren auch die Veränderungen neueren Datums her, die seitdem die Zusammenkünfte der Kommission mehr und mehr prägen: Empirische Kulturwissenschaftler und Europäische Ethnologen sind durch die neue Unübersichtlichkeit in den Arbeitsverhältnissen zwischen Freiberuflichkeit, serieller Arbeitslosigkeit, die Biografien zerstückelt, sowie Zusammenarbeit mit Hilfe neuer Medien gezwungen, angemessene Methoden der Felderfassung zu entwickeln. Die Werkzeuge dafür stehen ihnen, zum Teil sogar mehr als anderen Disziplinen, aufgrund ihrer ethnografischen Expertise zur Verfügung.

Die zunehmende Internationalisierung der Teilnehmer und das bewusst herbeigeführte Gespräch mit Disziplinen wie der Soziologie, Informatik, Betriebswirtschaft und Organisationspsychologie erweitern zusätzlich den Fachhorizont. Sie sollen aber auch die Stimme der Kommission in außerfachlichen Arenen hörbar machen. Die Einladung von Unternehmensvertretern, Beratern und Netzwerkarbeitern schließlich ermöglicht die Verbindung mit der Praxis. Erfreulich wäre, wenn es noch mehr als bisher gelingen würde, auch fachintern wieder Diskussionen zwischen denjenigen anzuregen, die sich von Arbeit als nach wie vor zentralem Kern der Identitätsbildung angesichts ihrer Krise nicht abwenden wollen.

Birgit Huber, Tübingen